Dienstag, 21. Mai 2013

Tag 51: St. Jean Le Vieux - St. Jean Pied de Port

Von St. Jean Le Vieux nach St. Jean Pied de Port
Distanz: 4 KM
Unterkunft St. Jean Pied de Port: Refuge municipal
 
Am 51. Tag meines Camino durchschritt ich
das Porte de St. Jacques in
St. Jean Pied de Port
Nur 4 Kilometer sind es heute bis nach St. Jean zu laufen - ein fast "freier" Tag quasi. Nach dem einen "Bummeltag" in Genf wäre es hier also mein 2. Ich will mir diesen Tag auch wirklich gönnen, denn St. Jean ist eine der wichtigen Stationen am Jakobsweg. Von hier aus starten wohl die meisten Pilger ihren Camino (ausgenommen die Kurzstreckenpilger). Ich will die Atmosphäre der Stadt aufsaugen, die vielen Pilger, die am Beginn ihres Caminos sind beobachten, vielleicht auch kennenlernen. Die fehlenden Ausrüstungsgegenstände werden sicher schnell besorgt sein, so bleibt bestimmt viel Zeit, um die Stadt kennenzulernen. Es ist eine sehr freudige Kurzetappe heute, Daniel und ich freuen uns sehr auf diese wichtige Station des Camino. Um Viertel nach Neun kamen wir bereits beim Jakobstor in St. Jean Pied de Port an. Die kleine Stadt gefällt mir auf Anhieb. Die kleinen Gassen sind wunderbar. Das Pilgerbüro liegt bereits wenige Meter nach dem Tor auf der rechten Seite. Freundlich werden wir  dort begrüßt. Wir bekommen die Information, dass die klassische Route über die Pyrenäen wegen noch immer liegendem Schnee zu gefährlich sei, man solle besser die Route über das Val Carlos nehmen. Auch einen neuen Pilgerpass kann ich dort billig erstehen, es ist ein französischer. Die offizielle Herberge öffnet ihre Pforten erst ab 11 Uhr, die "Eintrittskarte" kann jedoch bereits gelöst werden. Das Gepäck konnten wir inzwischen bei der Informationsstelle abstellen. Daniel und ich gehen getrennte Wege, hatte ich doch andere Besorgungen zu erledigen als er.
 
Die Rue de la Citadelle in St. Jean
Zunächst ging es darum, neue Schuhe zu finden. Wenige Meter nach der Informationsstelle finde ich auf der linken Seite bereits ein Sportartikelgeschäft. Der Besitzer weiß sofort von was er redet. Er gibt mir ein Salomon-Paar zum probieren. Ich laufe einige Schritte zur Probe. Er passt perfekt. Nach dem Lowa Renegade (den wohl die meisten Pilger in Österreich und Deutschland aufgeschwatzt bekommen), der für mich definitiv die falsche Schuhwahl war, laufe ich jetzt quasi auf Wolken. Ich sollte auf dem Camino Francés keine einzige Blase mehr ertragen müssen. Ich hatte schon fast vergessen, wie schön das Laufen und Wandern sein kann, wenn man keine Druckstellen und Ähnliches ertragen muss. 150 Euro zahlte ich glaub ich dafür. Danach ging es darum, eine neue Kamera zu finden. Natürlich hätte ich gerne wieder eine Ixus genommen, hatte ich doch die ganze Ausrüstung dafür dabei (Ersatzakkus usw.). Es gab jedoch nur eine einzige Digital-Kamera zur "Auswahl". Zum Glück waren wenigstens meine Speicherkarten kompatibel. Eine Schutzhülle konnte ich dort ebenfalls erstehen. Blöd war nur, dass ich keinen Ersatz-Akku kaufen konnte. So musste ich gut auf die Energieanzeige auf dem Display achten, um keine wichtigen Momente mangels Strom zu verpassen.

Streng aber herzlich - die "gute Seele"
der Pilgerherberge
Nachdem ich auch dies erledigt hatte, konnte ich in der Herberge mein Bett beziehen. Danach ging es zum Mittagessen in der Stadt. Auch Proviant für den nächsten Tag wurde bereits gekauft. In der Herberge war ein buntes Treiben. Menschen, unterschiedlichster Nationen waren versammelt. Ein interessantes Trio waren 2 junge Franzosen und eine junge Deutsche, die von Lourdes aus ihren Camino gestartet hatten. Sie hatten sich irgendwo auf dem Camino kennengelernt. Sie hatten sichtlich nicht viel Geld und schliefen teils dort, wo nichts zu zahlen war - so etwa auch in Schulen oder Kirchen. Einer der Franzosen trug seine Pfadfinder-Uniform, was bizarr bis lächerlich aussah. Ich fragte ihn, warum er das mache, eine aussagekräftige Antwort bekam ich aber nicht. Klar, es ist egal, wie sich ein Mensch auf dem Camino kleidet. Es ist egal, ob jemand viel oder wenig Geld hat. Aber sich als Pfadfinder zu outen - warum das denn? Ich würde doch auch nicht meine Feuerwehruniform auf dem Camino anziehen - das würde auch überhaupt keinen Sinn machen. 

Montag, 20. Mai 2013

Tag 50: Aroue - St. Jean Le Vieux

Von Aroue nach St. Jean Le Vieux
Distanz: 40 KM
Unterkunft St. Jean Le Vieux: Gîte du Camp Romain

Ich - kurz vor der Chapelle de Soyarza - nach
50 Camino-Tagen erkenne ich mich selbst
fast nicht wieder
Ich treffe bald den jungen Schweizer Daniel auf dem Weg. Wir beschließen, ein Stück gemeinsam zu laufen. Als wir die Chapelle de Soyarza (auf 290 Metern Höhe) erreichen, treffen wir auf einige Pilger. Besonders in Erinnerung waren mir 2 Pilger, die in die "verkehrte" Richtung gingen. Tatsächlich waren sie auf Nachfrage auf dem Weg von Santiago nach Hause, wo auch immer das sein mochte. Das nenne ich Willensstärke, am Ziel seiner Träume einfach umzukehren und den ganzen Weg wieder nach Hause zu laufen... Nachdem wir auf der Anhöhe eine kleine Pause gemacht haben, ging es bald weiter. Daniel hatte ob der vielen Pilger am Weg per Handy ein Zimmer in St. Jean Le Vieux für uns reserviert. Rund 6 Stunden sollten wir laut Führer bis dahin in etwa noch benötigen. Es war bereits Mittag, so mussten wir uns sputen. Zu allem Überfluss verliefen wir uns dann auch noch. Mindestens 1 Stunde liefen wir auf abenteuerlichen Wegen durch Wald und Wiesen, bis uns ein Einheimischer dann den Weg nach Ostabat schildern konnte. Verlaufen gehört zu den unangenehmsten Dingen auf dem Camino. Der Weg ist beinahe immer sehr gut markiert, einmal nicht aufgepasst oder in ein Gespräch vertieft und schon kann man sich verlaufen haben. Sollte man längere Zeit keine Markierung mehr vorfinden ist das Beste, man kehrt wieder um, bis man die letzte markierte Stelle wiederfindet. Wir waren aber wohl zu müde oder auch einfach zu faul, um die Höhenmeter wieder hinauf zu steigen, so mussten wir den Umweg in Kauf nehmen. Es kreisten riesige Vögel über uns, keine Frage, das müssen Geier sein. Ich hatte im Führer über deren Existenz in diesem Gebiet gelesen.
 
Der Camino zwischen Ostabat und St. Jean
Ostabat ist ein Sammelpunkt für drei der vier großen französischen Jakobswege: Via Turonensis, Via Lemovicensis und Via Podiensis treffen sich hier. Einzig die Via Tolosana, die in Spanien dann zum Camino Aragonés wird und bei Puente la Reina in den Camino Francés einfließt, verläuft nicht über den kleinen Ort. Unglaublich, dass in diesem kleinen Ort einmal mehrere tausend Pilgerunterkünfte gewesen sein sollen. Die wichtige römische Verbindungsstraße von Bordeaux bis Pamplona und weiter nach Astorga soll hier früher verlaufen sein. Wir kehren kurz in einer verwaist wirkenden Bodega ein. Nach einem kurzen Getränk geht es auch schon wieder weiter. Noch rund 17 Kilometer und 4 Stunden Laufzeit sollten vor uns sein. Wir trafen auch das Mutter-Sohn-Gespann aus Australien wieder. Unglaublich - der Umweg hatte uns leicht 1- 1,5 Stunden Zeit gekostet. Die Frau wirkte sehr geschlaucht - es war sichtlich gut für sie, dass deren Camino sich dem Ende neigte. Sie sind jedoch trotz ihres sichtlich schwierigen körperlichen Zustands immer freundlich und lächeln.

Ein Camino-Mobil, leider war es bei unserer Ankunft
verwaist
Daniel und ich laufen zurück ins Zentrum, um ein Restaurant zu suchen. Beide laufen wir völlig unnatürlich, ähnlich einer Metallfeder. Die heutige Etappe hatte uns doch sehr mitgenommen. So komplett ohne Rucksack zu laufen war ungewohnt, aber auch befreiend. Von den 2, 3 Restaurants hatte nur ein einziges offen. Nur ein Tisch war besetzt, der Kellner machte auch keine Anstalten, noch lange geöffnet haben zu wollen. Wir fragen ihn, ob es noch irgend etwas zu essen gebe. Er bejaht und so gibt es das Tagesmenü, Pommes Frites mit einer Wurst, Lecho und einem Salat. Dazu gab es Claras, also Radler. Nichts in der Welt hätte in diesem Moment besser schmecken können. Für mich ist klar, dass es morgen einen "freien" Tag geben wird.
 
Die Unterkunft für heute Nacht
Ich will meine Ausrüstung wieder vervollständigen. Ein Blick auf die Sohle meiner Trekkingschuhe sagte nur noch - kauf Dir endlich neue Schuhe. Riesen Löcher waren zu sehen, an manchen Stellen fehlten ganze Teile. Ok, nach rund 1600 Kilometern dürfen sich die Sohlen wohl langsam in ihre Bestandteile zerlegen. Ich kann im Nachhinein auch nicht wirklich behaupten, dass es mir um diese Lowa-Treter leid getan hätte. Ich hatte durchaus Probleme mit meinen Füßen. Im Nachhinein sollte es sich als Glücksgriff herausstellen, in St. Jean Salomon-Schuhe empfohlen bekommen zu haben - mit diesem Paar schwebte ich wieder wie auf Wolken. Neben neuen Schuhen musste ich auch die Kamera ersetzen. Es fehlte mir sehr, nicht mehr jeden schönen Moment bei Bedarf festhalten zu können. Diese Unsicherheit wollte ich schnellstmöglich loswerden. Auch ein 2. Leibchen wollte ich mir wieder anschaffen, nachdem eines meiner zwei ja im französischen Baskenland als verschollen galt. Einen Tag einfach einmal gar nichts tun und die Atmosphäre genießen. St. Jean Pied de Port ist sicher mit der bekannteste Ort, um den Camino Francés zu starten. Es werden bestimmt zahlreiche Pilger vor Ort sein. Wahnsinn - ich bin schon an die 1600 Kilometer gelaufen und die meister morgen fangen gerade erst an. Übrigens lernte ich auch einige Pilger kennen, die von Le Puy bis nach Santiago pilgerten (in Etappen oder am Stück).
Nur 4 Kilometer trennen mich noch vom 2. großen Etappenziel meines Caminos. Blieb die Ankunft in Le Puy ob des Wetters und meiner unsicheren Situation, ein Bett zu finden alles andere als positiv in Erinnerung, so freute ich mich auf St. Jean Pied de Port umso mehr.

Sonntag, 19. Mai 2013

Tag 49: Argagnon - Aroue

Von Argagnon nach Aroue
Distanz: 43,3 KM
Unterkunft Aroue: La Ferme de Bohateguia

Eines der letzten Bilder meiner Kamera
Meine Kamera ist kaputt. Ich hatte es gestern befürchtet - es war einfach zu feucht. Ich wollte trotz des Wetters nicht auf das Fotografieren verzichten. Es ist dazu Sonntag Morgen, ein Ersatz wird daher frühestens morgen zu erwerben sein. Wahrscheinlich jedoch erst übermorgen in St. Jean Pied de Port, der nächsten größeren Stadt auf meinem Weg. Es ist kein gutes Gefühl, keine Fotos machen zu können. Ich versuchte noch 1, 2 Mal ein Foto zu machen, allerdings ohne Gewissheit, dass es funktioniert hatte. Die Kamera reagierte auch völlig verrückt blitzte mehrmals, fuhr mehrmals ein und aus. Erst nach meiner Rückkehr in Feldkirch erkannte ich, dass es doch 1, 2 Bilder gab. Nach einem einfachen Frühstück wollte ich die Herberge schnell verlassen. Das Wetter war heute weder schön noch übermäßig regnerisch - durchwachsen trifft es wohl am besten. Ich war sehr froh, dass die Kleidung gestern gewaschen und getrocknet wurde. Allerdings "verlor" ich dadurch eines meiner beiden Leibchen. Beim Packen des Rucksacks fiel es mir nicht auf. Ich weiß nicht, ob es jemand anders brauchen konnte oder ich es einfach wirklich vergaß. Ich hätte schlichtweg besser darauf achten müssen.
 
Ich erinnere mich auch daran, dass ich heute meine letzten Isostar-Riegel aufaß. Meine Freunde gaben mir in Feldkirch eine Hand voll wichtiger Sachen mit, Riegel waren auch dabei. Ich schleppte diesen Riegel also über 49 Tage durch die ganze Schweiz und fast durch ganz Frankreich, bevor er seinen Zweck erfüllen konnte. Meine Freunde waren mir in diesem Moment sehr nah. Ich war unendlich froh um diesen Riegel, fand ich unterwegs doch keine Möglichkeit zum Einkauf. Unterwegs kam ich auch an einer Gité vorbei, deren Hospitaleropaar mir sofort Wasser brachte. Sie waren sehr freundlich und freuten sich sichtlich über eine kleine Unterhaltung. Ich glaube, dass es die Herberge in Bugnein war, bin mir aber nicht sicher, da ich ja keine Kamera mehr hatte und somit auch keine Uhrzeit, wann ich wo genau war. Der Camino war auf dieser Etappe wunderschön und einsam, trotz des mäßigen Wetters. Ich weiß noch, dass ich viele landwirtschaftliche Flächen durchquerte. Regenwasser war auf den landwirtschaftlichen Wegen und somit auch auf dem Camino liegen geblieben, ich musste öfters überlegen, wo ich wie weitergehen sollte.
 
Der Gave de Pau führte heute viel Wasser mit sich
Als ich die Herberge erreiche, sitzen bereits alle Pilger bei Tisch, der Aperitif wird gerade serviert. Ich nehme - auch aus Rücksicht vor all den anderen Pilgern - zunächst noch eine Dusche und ziehe mich um. Die Hospitalera ist sehr freundlich. Ich bekomme meinen Platz an der Tafel zugewiesen - es ist der letzte freie Platz - die Herberge scheint also voll zu sein. Die Herberge kostet heute inkl. Halbpension 30 €, ein sehr fairer Preis. Das Essen ist sehr gut. Es gibt Gemüsesuppe, Eine Art Paprika-Rollschinken mit Eierspätzle, einen Käse-Gang mit zweierlei Sorten Käse und zum Dessert eine Dreiervariation. Die Menschen an meinem Tisch (ein Australisches Paar und viele Franzosen) sind sehr nett. Neben einem Schweizer, den ich morgen besser kennenlernen sollte, bin ich der jüngste Pilger am Tisch. Es sind jeden Tag die selben Fragen und Gespräche die sich auftun. Ich antworte auch ehrlicherweise, wo ich heute gestartet bin, bzw. von wo aus ich meine ganze Reise startete. Die meisten können es nicht glauben, ich wahrscheinlich genau so wenig.
 
Ich schreibe im Aufenthaltsraum noch mein Tagebuch und trinke, 1 oder 2 Banaché. Es setzen sich andere Pilger aus der Schweiz und Deutschland dazu, die mich in dem Moment jedoch nicht wirklich interessieren. Wir waren nicht auf derselben Wellenlänge. Als ich fertig geschrieben hatte, waren alle anderen bereits in ihren Betten und schliefen. Viele waren wirklich sehr müde. Ich versuchte leise zu sein. Eigentlich wollte ich nicht rücksichtslos sein, heute gelang mir das wohl nicht so ganz. Mit dem MP3-Player im Ohr schlief ich ein.
Ich war heute den ganzen Tag schmerzfrei - was für ein tolles Gefühl! Am Abend stellte ich fest, dass ich mein 2. Leibchen in der Herberge vergessen haben musste - es war nicht mehr da. Nach meiner Wäscheleine in St. Peterzell mein 2. materieller Aderlass. In St. Jean sollte dann wohl ein Ersatz zu finden sein.

Samstag, 18. Mai 2013

Tag 48: Arzacq-Arraziguet - Argagnon

Von Arzacq-Arraziguet nach Argagnon
Distanz: 33,2 KM
Unterkunft Argagnon: Gîte de Cambarrat
 
Zwei Vorarlberger Landsleute und Pilger
auf dem Camino
Der Himmel zeigt sich dich bewölkt heute Morgen. Es gibt ein einfaches Frühstück, dass aber völlig ausreicht. Eine Zeit lang gehen Reinhard und Waltraud und ich noch in einer Art Gruppe. Sie sind sehr motiviert und gut zu Fuß. Gestern meinten sie jedoch noch, dass ich nicht so hetzen solle. Mir fällt es nicht mehr auf, dass ich schneller laufe, als die meisten anderen. Klar, es würde mir auffallen, wenn ich überholt werden würde. So wie ich die schnelle Pilgerin gestern wahrgenommen hatte. Ich denke aber nicht, dass ich künstlich bummeln sollte. Mein Körper ist inzwischen trainiert und verlangt einfach auch ein gewisses Maß an Leistung, er kann und will lange laufen. Und auch schnell. Irgendwann verabschiede ich mich dann mit den Worten "Bis vielleicht bald wieder" von ihnen. Insgeheim wusste ich aber, dass wir uns wohl nicht mehr sehen würden. Ich wünsche den beiden, dass sie den Camino bis zu ihrem großen Ziel am "Ende der Welt" auch wirklich fertig laufen konnten. Sie schienen sehr gut miteinander zu harmonieren, waren im Reinen mit sich selbst, das hat mir sehr gut gefallen. Ich traf auf meinem Camino auch einige Paare, die bei weitem nicht so im Gleichklang, oder besser Gleichschritt unterwegs waren - das war dann für beide meist nicht lustig. Da bin ich froh, alleine unterwegs sein zu können.

Die Moulin (Mühle) de Louvigny
Die Chapelle de Caubin blieb mir aus mehreren Gründen lebhaft in Erinnerung. Zum einen, weil sie schlicht sehr schön ist. Zum anderen war gerade der Pfarrer und Leiter eines Chors zugegen, der mir eine kleine Führung durch das Kleinod gab. Er bemerkte wohl nicht wirklich, dass ich dem Französischen nicht so ganz mächtig war und redete munter drauf los. Ich nickte meistens und verstand einen Teil seiner Worte. Was ich nicht verstand, teilte mir mein Führer mit. Auch war das Foto der kleinen Kapelle eines meiner letzten Fotos, die ich mit meiner Kamera machen konnte. Der anhaltende Regen und meine Sturheit, trotz der Bedingungen Fotos machen zu müssen, ließen sie bald in den Elektronik-Himmel entschwinden. Ich machte heute überhaupt sehr wenig Fotos, das Wetter lud schlicht nicht zum Fotografieren ein. Knappe 10 Stunden hätte ich laut Führer für die heutige Etappe brauchen sollen, ganz so lange hat es dann Gott sei Dank doch nicht gedauert.

Auch an einem "Pilgerbaum" kam ich heute
vorbei
Als ich völlig durchnässt in der Herberge ankomme, will ich nur noch eine heißte Dusche. Der Hospitalero begrüßt mich - ich erwarte, dass er mir meinen Schlafplatz zeigt. Anstatt in ein Zimmer im Haus zu gehen, stehe ich nun vor einem kleinen zirkuswagenähnlichen Teil. Er geht vor und zeigt mir mein Bett. Es ist darin furchtbar kalt und ungemütlich. Ich könnte die Türe des Wagens auch gleich offen lassen, temperaturtechnisch würde es keinen Unterschied machen. Ich suche die dürftigen sanitären Anlagen auf. Auch dort ist es kalt und ungemütlich. Frustriert geh ich in den Gemeinschaftsraum, wo auch das Abendessen serviert werden soll. Auch dort ist es - richtig - kalt. Es kommen nach und nach auch andere Pilger herein. Sie müssen mir meine Verzweiflung über die aktuelle Situation angesehen haben. Wir trinken Tee. Ein Paar ist so nett und meint, dass bei ihnen ihm Zimmer noch Platz für mich wäre. Es gibt also doch auch alternative Möglichkeiten, der Hospitalero hat sie mir nur nicht zeigen wollen. Ich nehme dankend an, packe meine Sachen und übersiedle in das Zimmer. Dort ist es deutlich wärmer, es gibt ein eigenes Bad. Nun wird auf einmal auch der Aufenthaltsraum beheizt. Auch die nassen Kleider können zum Waschen und Trocknen abgegeben werden. Nun war ich wieder mit der Welt, oder in dem Fall besser mit dem baskischen Hospitalero versöhnt. Er meinte später nur, dass ich doch nur hätte sagen brauchen, dass mir ein Zimmer lieber gewesen wäre.

Der Camino war heute extrem - extrem schön
In der  Folge sollte die baskische Herkunft der Hospitalero-Familie immer mehr an Bedeutung gewinnen. Sowohl beim Essen als auch danach. Es gibt eine Art Fleischaufstrich und Baguette zu Beginn, dann einen Eintopf mit Erbsen, Bohnen, Karotten und Schweinefleisch, baskischen Käse und zum Abschluss einen Baskischen Kuchen, den ich auf meiner Reise sehr zu schätzen gelernt hatte - er schmeckte stets fantastisch. Gemeinsam mit seinem kleinen Sohn nimmt der Hospitalero danach ein baskisches Saiteninstrument zur Hand und beginnt zu spielen. Ich wusste nicht, ob es sich um touristische Folklore handelte, oder ob das authentisch war - das spielte in dem Moment aber auch keine Rolle - es war wunderschön. Gespräche gab es an jenem Abend eher weniger. Die Franzosen redeten sehr schnell, ich verstand nicht sehr viel, sie bemühten sich aber auch nicht sonderlich. Lediglich das Paar, in deren Zimmer ich übernachten durfte war freundlich. Nach dem Essen und den wäremeren Temperaturen war ich wieder positiver gestimmt. Der Dauerregen heute ist mir doch sehr stark ins Gemüt gefahren.



Freitag, 17. Mai 2013

Tag 47: Aire-sur-l´Adour - Arzacq-Arraziguet

Von Aire-sur-l´Adour nach Arzacq-Arraziguet
Distanz: 32 KM
Unterkunft Arzacq-Arraziguet: Gîte Centre d´accueil


Kurz nach Aire-sur-l´Adour 
Bereits um 06:30 ging heute der Wecker los. Als ich alles gepackt hatte, war Isabelle mit dem Frühstück bereits fertig und war startklar. Ihr Zug zu ihrer Familie würde in Kürze von Aire-sur-l´Adour wegfahren, sie vom Camino wieder zurück in den Alltag bringen. Isabelle hinterließ mir ihre Trinkflasche - während ich beim Frühstück saß, muss sie mir die Flasche auf mein Bett gelegt haben. Welche Aktion eines Pilgers kann großzügiger sein, als seine Trinkflasche zu hinterlassen - ich war gerührt. Auch die 13 € für die Übernachtung in der Herberge war bereits bezahlt. Als ich sie gestern zum Abendessen eingeladen hatte, so machte ich dies aus ehrlicher Nächstenliebe und nicht aus Kalkül, dafür etwas anderes zu bekommen. Ich denke/hoffe sie wusste dies auch. Ich lief ihr noch hinter her um mich zu bedanken und ihr zu sagen, dass ich dies nicht wollte. Sie war aber bereits in den unendlichen Weiten der Pflasterstein-Meere Aire-sur-l´Adurs entschwunden. ich ging heute gestärkt auf meinen Weg  - weil ich einen tollen Menschen kennenlernen durfte.
Die Pyrenäen wirken am 47. Tag meines Weges zum
Greifen nahe

Ich komme am einem wunderbaren See vorbei. Eine jüngere Pilgerin überholt mich, als ich beim Fotografieren bin. Sie hat ein sehr gutes Tempo drauf. Ich folge ihr am Seeufer durch herrliche Waldwege. Es folgen wunderbare Wege durch landwirtschaftliche Gebiete. Ich bin kaum, wenn überhaupt schneller als die Pilgerin. Das ist wohl das erste Mal, dass ich dies erlebe. Es macht mir nichts aus, ich bewundere eher ihre Zielstrebigkeit und Ausdauer. Was mir von diesem Tag in jedem Fall auch noch sehr in Erinnerung geblieben ist, waren die ersten bewussten Blicke auf die mit Schnee bedeckten Pyrenäen. Ob ihrer Schönheit muss man einfach sprachlos bleiben. Nach 47 Tagen des Wanderns konnte ich diese wunderbare und sagenumwobene Bergregion erreichen. Es ist nicht mehr länger ein Traum. Ab und zu fällt es mir heute noch schwer zu glauben, dass ich diesen Camino tatsächlich und real erleben durfte.

Chapelle Sensacq
Bei der wunderschönen, idyllischen Chapelle Sensacq mache ich Rast. Bänke und ein Tisch laden dazu ein. Auch zwei Schilder stehen dort. Sie geben an, dass es noch 911 bzw. 950 Kilometer bis nach Santiago de Compostela seien. Welche der beiden Angaben ist die richtige? Es spielt keine Rolle - wenn der Weg so wunderschön weitergehen sollte, wie ich ihn heute erlebte, kann es ruhig noch "ein bisserl mehr sein". Die zügige Pilgerin konnte ich kurz zuvor überholen. Sie machte eine Rast, wirkte irgendwie so, als ob sie alleine bleiben wollen würde, was keiner so gut verstehen kann, wie ich.

Bereits um 15:30 erreichte ich die Gemeinde Arzacq-Arraziguet. Bis nach Fichous Riumayou wären es noch  gute 2 Stunden, was an sich kein Problem wäre. Auch die 32 Kilometer bis jetzt brachten mich nicht an meine Grenzen. Allerdings hatte es laut Führer nur sehr wenig in Infrastruktur in Fichous. So entscheide ich mich trotz der relativ frühen Stunde zum Bleiben. Vielleicht auch deshalb, weil es hier gemütlich wirkende Cafés und Bars gibt. Ich melde mich bei der Herberge an. Das "Holländer"-Zimmer wird mir zugewiesen. Ich bin der erste im Zimmer. Später sollte dann noch ein Deutscher Pilger hinzukommen, der leider sehr wohlbeleibt war und für eine ordentliche Geräuschkulisse sorgte. Was ich von dem heutigen Tag noch weiß, ist, dass in Wien das Bon-Jovi-Konzert stattgefunden hatte. Ich hatte als großer Fan 2 Tickets besorgt und sie dann weiterschenken müssen. Der Camino ist wichtiger. Allerdings war dies wohl mein größtes Opfer auf dem Weg. Was noch in Erinnerung blieb, ist die die Tatsache, dass es später am Nachmittag zu einem richtigen Unwetter kam. Sogar Hagel klopfte auf das Dach der Herberge - ich war froh nicht noch weiter gelaufen zu sein. 
Blick von Pimbo
Als ich mich vor ein Café setzte, um ein Bier zu trinken, verlassen gerade eine Pilgerin und ein Pilger das Gebäude. Als ich ein zunicke und mir ein "Bon Chemin" über die Lippen kommt, bekomme ich ein lachendes "servas" erwidert. Und zwar auf eine Art und Weise, wie ich sie nur von daheim her kenne. Ich sage in meinem Heimatdialekt, dass man mit Vorarlbergern immer rechnen muss, aber vielleicht nicht gerade hier, in einem Nest mit Namen Arzacq-Arraziguet. Seine Begleiterin und er schauen mich an und lachen. Sie sind tatsächlich aus dem Ländle. Er, Reinhard kommt aus Rankweil, nur wenige Kilometer von meiner Heimatstadt Feldkirch entfernt und Startpunkt des Appenzeller Weges. Seine Lebensgefährtin kommt, wie an ihrer Aussprache nur unschwer zu erkennen ist, aus dem Bregenzerwald. Sie pilgerten - wie ich - von zu Hause aus. Allerdings mussten sie letztes Jahr wegen einer Fußverletzung Waltrauds den Camino unterbrechen. Seit gestern sind sie nun wieder unterwegs, um den 2. Teil ihres Camino weiterzulaufen. Wir trinken noch was gemeinsam, sind auch in derselben Herberge untergebracht. So sollten wir uns dann auch noch beim gemeinsamen Essen in der Herberge treffen.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Tag 46: Manciet - Aire-sur-l´Adour

Von Manciet nach Aire-sur-l´Adour
Distanz: 34,9 KM
Unterkunft Aire-sur-l´Adour: Gîte/Hôtel de la Paix

Bei Sonnenschein konnte ich die heutige Etappe beginnen
Das Wetter zeigte sich heute wieder von seiner schöneren Seite. Gestern hatte es mich zwischen Eauze und Manciet ja voll erwischt. Einen solch heftigen Regen hatte ich weder vorher noch nachher noch einmal erleben müssen. Im Laufe des Tages war es sehr stark bewölkt, die Sonne kam nurmehr sporadisch hervor. Um Viertel nach Zehn erreichte ich Nogaros. Ich kaufte mir sogleich Proviant für den heutigen Tag. In einer Bäckerei erwarb ich einen Roquefort-Tarte und ein Stück Pizza. Auch eine neue Telefonkarte konnte ich in einer kleinen Trafik bekommen. Bei Lelin treffe ich auf Isabelle. Sie sitzt auf einer Steinmauer und telefoniert gerade. Ich nütze die Möglichkeit, das dortige WC in einer Schule aufzusuchen. Isabelle hat ein Taxi gerufen, sie hat genug für heute. Sie will auch in Aire-sur-l´Adour übernachten. Auf die Frage, welche Unterkunft sie empfehlen könnte, meint sie, dass das Hôtel de la Paix für Pilger ein Zimmer hätte, dass sehr günstig sei. Sie bietet mir an, mit ihrem Handy nach einem freien Platz für mich zu fragen. Ich bin froh und stimme freudig zu. Es klappt - mein Platz für heute Abend ist fix. Nach ein paar gemeinsam verzehrten Gummibärchen verabschiede ich mich von ihr - ich hatte noch gute 3 Stunden zu laufen. Ich wollte meinen Weg unbedingt komplett zu Fuß hinter mich bringen. Eine Taxifahrt wäre für mich nicht in Frage gekommen - so verlockend es in manchen Situationen auch gewesen wäre.

 Le Chemin kurz vor Barcelone du Gers
Um fünf Uhr erreichte ich schließlich mein Etappenziel. Eine Mutter und ihre Tochter zeigen mir den Weg zum Hotel de la Paix. Die Gemeinde ist zum Glück nicht sehr groß. Als ich dort ankomme, ist Isabelle bereits da. Auch ein französischer Pilger mit Namen Serge ist da. Isabelle macht mich auf die abendliche Pilgermesse aufmerksam. Ich will in jedem Fall hingehen. Ich halte Isabelle in dem Kapellenteil der Kathedrale St. Jean Baptiste einen Platz frei. Allerdings füllt sich der sakrale Raum recht schnell. Auch wenn ich von der Messe selbst wiederum nicht allzu viel verstanden hatte, so war die Stimmung in dem Gotteshaus doch sehr schön und feierlich.
Am 46. Tag meines Caminos erreichte ich
Aire sur l´Adour
Im Anschluss der Messe frage ich Isabelle, ob wir gemeinsam zu Abend essen wollen. Sie meint, es gebe auch einen Supermarkt. Dann könnte man ja auch in der Hotelküche was kochen. Die Idee gefällt mir auch. Ich finde den kleinen Laden sofort. Ich nütze die Möglichkeit und kaufe gleich Duschgel und Waschmittel nach. 46 Tage haben Duschgel und die Tube Waschmittel also gehalten. Während des Einkaufs kommt Isabelle vorbei. Es ist ihr gar nicht recht, dass ich für uns beide einkaufen will. Sie möchte sich beteiligen und ist somit für den Nachtisch verantwortlich. Es wird Erdbeeren geben. Als wir die Küche aufsuchen, sitzt Serge bereits bei Tisch. Er zeigt uns einige, nein viele, viele Bilder die wir - natürlich interessiert - betrachten. Wir sind uns alle einig, dass sie teils wirklich sehr gut geworden sind. Wir trinken gemeinsam Bier. Es gibt zu Beginn Baguette mit einem Gänseleber-Aufstrich,  dann Pasta mit Tomatensause. Zum Abschluss Isabelles Erdbeeren. Sie erzählt von ihrem Leben in Marseilles und ihrer Familie. Morgen ist für sie der Camino zu Ende. Sie wird mit dem Zug nach Paris fahren, wo sie auf ihre Familie treffen wird. Es wird schnell klar, dass sie nicht das letzte Mal auf dem Camino war. Es tut ihr bei aller Freude, ihre Familie bald wieder zu sehen, sichtlich leid, dass ihr Weg für diesmal bereits zu Ende sein muss.
Ich hatte heute während der ganzen Etappe keine großen Schmerzen mehr - es scheint so, als hätte ich die körperlichen Probleme hinter mir lassen können.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Tag 45: Montreal du Gers - Manciet

Von Montreal du Gers nach Manciet
Distanz: 27,1 KM
Unterkunft Manciet: Le Gîte de Mathieu
 
In Eauze fand ich dann den Camino wieder
Ich machte mich wieder alleine auf den Camino. Ich weiß nicht, ob Stephanie verstand, dass ich wieder alleine laufen wollte, nein musste. Ich war heute der erste Pilger, der die Herberge nach dem Frühstück verließ. Ich kaufte mir in dem kleinen Geschäft im Zentrum Montreals Eistee und Proviant für den Tag. Nogaro sollte mein heutiges Etappenziel werden. Ich lief zur Kirche Montreals und fand dort sofort den Camino wieder. Frohen Mutes zog ich davon. Bald kam ich an eine verwirrende Stelle. Es gab eine Abzweigung, von der Markierung des Caminos war weit und breit nichts zu sehen. Auch 2 französische Pilgerinnen mittleren Alters suchten verzweifelt nach einer Camino-Markierung. Schließlich kam noch ein australisches Ehepaar hinzu, dessen männlicher Part bestimmt schon Mitte 80 sein musste. Deren Namen waren Malcolm und Kim. Dies weiß ich deswegen so genau, weil wir die nächsten Stunden miteinander verbringen sollten. Auch die 2 Französinnen schlossen sich uns an.

Das wohlverdiente Bier mit 2 Aussies (Kim & Malcolm)
in Eauze
Wir irrten wild durch die uns gänzlich unbekannte Gegend herum. Wir liefen durch Äcker und Wiesen und liefen entlang kaum befahrener Straßen. Allerdings liefen wir größtenteils in die falsche Richtung. Irgendwann hielten wir schließlich ein Auto an und erfragten den korrekten Weg. Eauze sollte unser nächstes großes Ziel sein, das Ende des Etappen-Caminos für die beiden Französinnen. Sie wurden leicht nervös, wollten sie doch ihren reservierten Zug nicht verpassen. Irgendwann kamen wir dann schließlich nach Bretagne d´Armagnac. Bei der dortigen Kirche saßen bereits die beiden Holländerin bei einer Pause. Sie hatten sich jedoch keineswegs verlaufen - sie liefen mit purer Absicht entlang der Straßen, da sie - wie sie meinten keine Zeit verschenken wollten - und immer die kürzesten Strecken wählen würden. Kim, Malcolm und ich machten nun ebenfalls eine Pause, speziell für den weit über 80-jährigen war die Etappen sichtlich strapaziös. Ich wollte und konnte die beiden aber keinesfalls hinter mir zurücklassen. Sie wollten nach Eauze und dorthin würde ich sie auch führen. Eigentlich sollten es laut Führer rund 4 Stunden von Montreal bis nach Eauze sein. Wir waren schließlich um 15:30 dort, nachdem wir eine vielbefahrene Straße begehen mussten. Gute 3 Stunden verlor ich also durch diesen Irrweg. Zu allem Überfluss waren in Eauze auch Stephanie und andere Pilger, denen wir in Montreal begegneten. Stephanie hatte inzwischen bei der jungen deutschen Pilgerin Anschluss gefunden und wirkte zufrieden. Malcolm lud mich noch auf ein Bier ein, weil ich ihn "sicher", wie er meinte, nach Eauze gebracht hatte. Ich war sauer auf mich selber. Anstatt ruhig zu bleiben und die Markierungen weiter zu suchen, ging ich in die falsche Richtung, 4 andere Menschen im Schlepptau. Andere erreichten mit weit weniger Aufwand mehr als ich, an diesem Vormittag und frühen Nachmittag des heutigen Tages. Klar war, dass ich Nogaro sicher nicht mehr würde erreichen können, auch nicht mit der riesigen Wut in meinem Bauch. Ich durfte mit Malcolms Handy in der Herberge in Manciet anrufen, um nach einem freien Bett anzufragen. Gottseidank war ein Platz für mich frei.
 
Dicht bewölkt und regnerisch war der 45. Caminotag
ich verabschiedete mich ob der bereits fortgeschrittenen Stunde von den anderen Pilgern und lief zornig los. Gut 2,5 Stunden würde ich laut Führer für die rund 11 Kilometer benötigen. Zu den ganzen umsonst gelaufenen Kilometern (kann man eine Irrweg, Umweg, eine Sackgasse wirklich als umsonst gemachte Kilometer bezeichnen?) kam auch das schlechte Wetter am heutigen Tag hinzu. Es regnete von leicht bis sehr stark. Ich war sehr froh, als ich so gegen 18 Uhr die Herberge bei Mathieu erreichte. Mathieu war ehemaliger Rugby-Profi, der unter anderem auch in Toulouse spielte, der beste Verein in Europa, wie er mir später nicht ohne Stolz erklärte. Er zeigte mir auch Fotos aus seiner Karriere, so war er auch unter anderem französischer Nationalspieler. Witzig, ein Bär von einem Mann, Rugbyspieler und Hospitalero in einem. Ich war wieder versöhnt mit der Welt. Es waren heute ohne Ausnahme nur nette Pilger (alle Franzosen) in der Gîte, die früher einmal eine Bäckerei war, untergebracht. 33 € kostet die heutige Unterkunft inklusive Halbpension. Und Mathieu kochte fantastisch. Es gab eine Gemüsesuppe, einen Salatteller, sowie als Hauptgang Kartoffeln mit Schweinfleisch, danach noch Käse und eine Erdbeer-Topfencreme.


Dienstag, 14. Mai 2013

Tag 44: Castelnau sur – l´ Auvignon - Montreal du Gers


Von Castelnau sur – l´ Auvignon nach Montreal du Gers
Distanz: 27,5 KM
Unterkunft Montreal du Gers: Gîte "Compostela"

Der Camino vor Fromagère
Bin gemeinsam mit Stephanie aufgebrochen. Mir ist klar, dass sie niemals das Tempo und die Distanzen würde gehen können, die ich normalerweise gehen würde. Obwohl sie bereits seit 3 Wochen auf dem Camino ist, tut sie sich doch noch schwer. Wobei sie das langsame Wandern nicht wirklich zu stören scheint. Für heute will ich mich aber an einen anderen Menschen anpassen. Es ist schön wieder einmal Gesellschaft zu haben. Nach einem guten Früstück machen wir uns auf den Weg. Erster Halt auf dem Weg war die romanische Chapelle St. Germaine, die wir auch besichtigen. Wir sind ganz alleine - die Stille ist wunderbar. Überhaupt bieten die Gotteshäuser auf dem Weg eine so angenehme Möglichkeit der Besinnung. Die angenehme Kühle, die Ruhe. Der Körper fährt innerhalb kürzester Zeit auf ein niedrigeres Niveau - der Geist kann atmen, das Wesentliche kommt wieder in den Vordergrund. Es sind heute ganz ruhige, wunderbare Wege und Sträßchen zu bewandern und meist sind wir von landwirtschaftlichen Flächen umgeben. 

Die prächtige Kathedrale St. Pierre in Condom
Um 11 Uhr erreichten wir schließlich Condom. Wir besuchen natürlich die Kathedrale St. Pierre. 1006 Kilometer sollen es noch bis Santiago sein, verrät uns zumindest eine Tafel im Gotteshaus. Draußen vor der Kathedrale sind 4 Figuren dem wohl bekanntesten Sohn der Stadt gewidmet. Die 4 Musketiere posieren als Andenken von Alexandree Dumas vor dem gotischen Gebäude. In der Stadt ist durchaus was los. In einem Café im Zentrum der Stadt beschließen wir eine Pause zu machen. Ich studiere meinen Rother-Führer, als mich eine Frau vom Nachbartisch anredet. Sie habe meinen deutschsprachigen Pilgerführer gesehen, meint sie im perfekten Deutsch. Sie sei Hospitalera in einer Herberge in Montreal du Gers und habe - wie es der Zufall so will - noch 2 Plätze frei für heute Nacht, weil ein Paar absagte. Auch eine attraktive Schweizerin sitzt an ihrem Tisch. Sie hilft in der Herberge mit. Ich studiere den Führer, sehe Montreal als durchaus realistisch für die heutige Etappe an und sage - nachdem ich mich mit Stephanie beraten hatte - zu. Ich weiß nicht, ob Stephanie alleine auch eine so lange Etappe gemacht hätte. Immerhin sind es noch gute 4 Stunden und gute 17 Kilometer bis Montreal. Ich wäre wahrscheinlich noch weiter gelaufen, nach Lamothe wäre in jedem Fall noch gegangen.

Die 4 Musketiere bekamen kurz ein 5. Mitglied
In einem Sportgeschäft kaufe ich mir endlich ein neues Paar Socken, nachdem ich ja vor Tagen einen einzelnen Socken verloren hatte. Seit diesem Vorfall trocknete ich meine Wäsche nicht mehr auf den Rucksack gehängt. Wir machten uns albald wieder auf den Weg. Wir machten den auch im Führer empfohlenen Abstecher nach Larressingle. Gott sei Dank taten wir dies, ist dies doch ein ausnehmend schöner Ort. Das befestigte Dorf ist wirklich gut erhalten. In der Kirche, die St. Sigismond gewidmet ist, gibt es auch einen Pilgerstempel. Ein weiteres Higlight war an diesem Tag auch das Erreichen der Pont d´Artigues. 1000 Kilometer sollten es von hier noch bis nach Santiago de Compostela sein. Es gibt so viele wie unterschiedliche Kilometerangaben in Literatur und auf Tafeln, dass ich auch die Richtigkeit dieser Angabe in Zweifel stelle. Außerdem - ist dies wirklich wichtig? Natürlich hab ich ein Ziel vor Augen und dieses Ziel heißt Santiago bzw. Fisterra. Aber der Weg und die Zeit darauf ist das Entscheidende. Der Weg geht auch nicht immer nach Plan. Ich will gar nicht wissen, wieviel Kilometer ich schon an Umwegen und Sackgassen gelaufen bin.

Larressingle war einen Abstecher wert
Stephanie war ziemlich fertig mit der Welt, als wir endlich bei der Herberge ankamen. Sie ging heute definitiv über ihre Grenzen hinaus. Nachdem wir die Betten zugewiesen bekamen, ging es an die Körperpflege und ans Wäschewaschen. Die Sonne strahlte inzwischen vom blauen Himmel herab. Eine Wäscheleine war direkt hinten im Garten gespannt, meine Wäsche würde heute sicher sehr gut trocknen. Vor dem Essen kaufte ich im Ortszentrum noch ein paar Postkarten, die ich nun in der Sonne beschreiben konnte. Die Herberge kostet heute mit Halbpension 34 Euro - ein fairer Preis. Bis auf die sanitären Anlagen ist die Herberge tip-top sauber. Wir sind halt die letzten angekommenen Pilger, die Hospitalera kann da nichts dafür. Sie ist wirklich bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein bunter Mix aus Menschen sitzt heute bei mir an Tisch. Neben Stephanie sind da noch 4 ältere Elsässer, 2 ziemlich derbe Holländerinnen mit einem furchtbaren Akzent und eine junge Deutsche, die heute ihren ersten Tag hatte. Von Condom aus startete sie heute ihren Camino. Es gab vorweg einen Aperitif, dann eine dann Salat und Pasta mit Tomatensauce. Ich beschrieb noch mein Tagebuch, ehe es nach einer heute relativ kurzen Etappe ins Bett ging. ich wusste, dass ich morgen wieder alleine laufen muss. Ich will wieder mein Tempo laufen.  

In der Kathedrale in Condom gibt es folgende Info´s:

Dann kommt die Brücke:


Mit daneben stehender Tafel: