Donnerstag, 6. Juni 2013

Tag 67: Rabanal del Camino - Cacabelos

Von  Rabanal del Camino nach Cacabelos
Distanz: 49 KM
Unterkunft Cacabelos: Albergue municipal "Santuario de la Quinta Augustia"

Plötzlich stand ich davor: das Cruz de Ferro
Plötzlich stand ich vor dem Cruz de Ferro. Jenem Eisenkreuz, dass wohl einer der bekanntesten "Highlights" auf dem Camino Francés sein sollte. Vielleicht war es auch dem Wetter geschuldet, aber ich fühlte eigentlich mehr Enttäuschung als ich vor dem Steinhaufen und der langen Stange mit dem eisernen Kreuz stand. Ich weiß nicht, was ich mir von dem Ort versprochen hatte. So viele Filmszenen, Bilder in Führern und Blogs hatte ich gesehen. Vielleicht wäre es etwas Anderes gewesen, hätte ich dort in Stille Zeit für mich gehabt. Viele persönliche Dinge sind auf dem Haufen zu finden: Stofftiere, Fotos, Bänder, Schmuckstücke etc. Es sind viele Schicksale auf jenem Ort konzentriert, keine Frage. Das symbolische Loslassen von schwerem Gepäck findet hier statt. Kurze Zeit hinter mir kommt bereits eine lautstarke Frauengruppe die es witzig findet, vor dem Cruz den Clown zu miemen. Zahlreiche Fotoapparate werden bis zum Äußersten maltretiert. Ich will schnell weitergehen. Bei der Kapelle neben dem Haufen saß auch Atilla, sichtlich nach Schutz vor dem Regen suchend. Er kommt noch zu mir und bittet mich, ein Foto vor dem Cruz zu machen. Ich mach das gerne, verabschiede mich dann aber schnell von ihm. Ich hatte ihn schon so oft auf dem Camino wiedergetroffen, dass ich im Moment gar nicht auf die Idee gekommen bin, dass es unser letztes Treffen hätte gewesen sein können. 

Trotz trübem Wetter durchwandere ich tolle Landschaften
Es sind noch gute 6 Stunden bis Ponferrada. Es tut gut, nach der Meseta endlich wieder Anhöhen, Hügel und Berge zu sehen. Auch wenn die Sicht wetterbedingt sehr schlecht ist, spüre ich dass ich durch eine wunderbare Landschaft laufe. Die Wege sind schlicht grandios. Knappe 250 Kilometer noch bis Santiago. Die Pilgerzahlen nehmen kontinuierlich zu, halten sich aber doch noch in Grenzen. Keine Frage, ich laufe inzwischen in der Haupt-Pilgerzeit. Spanien Anfang Juni - klingt sehr reizvoll. Ich laufe an zahlreichen blühenden Büschen und Blumen vorbei.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Tag 66: Hospital de Orbigo - Rabanal del Camino

Von Hospital de Orbigo nach Rabanal del Camino
Distanz: 37,6 KM
Unterkunft Rabanal del Camino: Albergue El Pilar

 
Der Camino in all seiner Schönheit
Ich konnte heute Nacht überhaupt nicht gut schlafen - das Schnarchkonzert eines Pilgers schräg über mir war furchterregend. Einige andere Leidensgenossen waren auch sehr genervt. Die Unterkunft war aber sehr schön und ich habe mich in der Herberge sehr wohl gefühlt. Das Frühstück ist sehr spartanisch. Toast, Butter und Marmelade und Kakao. Als ich mich von der Hospitalera verabschiede, schreibt sie mir ihre E-Mail-Adresse auf. Ich solle ihre schreiben. Sie umarmt mich, bevor ich durch die Türe nach draußen verschwinde. Ich treffe bald auf einen Südkoreanischen Pilger, der in derselben Herberge geschlafen hat. Wir laufen gemeinsam bis Astorga.

International: Ungarn, Südkorea, Norwegen und Österreich
bei einer Pilgerstation
Attila wird unterwegs von uns aufgesammelt - er ist heute sichtlich vom gestrigen Alkoholkonsum gezeichnet und nicht gut auf den Beinen. Unterwegs finden wir eine herrenlose Tasche. Sollte sie noch einen Besitzer haben, so ist er oder sie weit und breit nicht zu sehen. Wir schauen hinein, ob ein Hinweis auf den Besitzer zu finden ist. Das ist nicht der Fall. Wir lassen die Tasche vorsichtshalber liegen. Vielleicht wurde sie mit Absicht dort abgestellt, weil sie jemand loswerden wollte. Da kommt uns auf einmal ein Fahrradfahrer entgegen, der uns nach einer verlorenen Tasche fragt. Er freut sich sichtlich, als wir berichten konnten dass sie vor wenigen Minuten noch an ihrem Ort des Vergessens stand.

Das Rathaus von Astorga
Kurz vor Astorga trafen wir drei dann noch auf einen interessanten Mann, der einen Stand aufgebaut hatte und Getränke und Früchte gegen Spenden anbot. Er wolle für die Pilger da sein, meinte er und nicht mehr für das Wirtschaftssystem arbeiten. Er ist ein Aussteiger. Braungebrannt und recht gut aussehend flirtete er mit den Pilgerinnen und begrüßte jeden Pilger in dessen Heimatsprache, sofern er sie beherrschte. Es hätte auch einen Pilgerstempel in Form eines Herzens gegeben, wie ich später von Eva erfuhr. Von Astorga weg ging ich wieder alleine weiter. Attila besuchte mit seinen beiden ungarischen Pilgerfreunden das Pilgermuseum, während mein südkoreanischer Pilgerfreund mit Landsleuten in Astorga bleiben wollte.

Die Cowboybar in El Ganso
Es störte mich nicht, wieder alleine unterwegs zu sein. Der Weg nach Astorga war wunderbar. Ich war nahezu immer alleine unterwegs. Lediglich in Santa Catalina de Somoza, ein kleiner idyllischer Ort direkt am Weg, traf ich auf einen gestern in der Herberge kennengelernten französischen Pilger. Wir trinken gemeinsam was, ehe ich mich verabschiede. Immerhin hatte ich noch gut 11 Kilometer vor mir. Besonders imponierend war für mich eine ältere, kleine Frau, die trotz sichtlich großer Schmerzen Santa Catalina de Somoza gerade verließ. Sie wollte um jeden Preis noch weitere Kilometer machen an diesem Tag. In extrem langsamem Tempo schleppte sie sich Schritt für Schritt vorwärts. Ich wusste, wie es sich anfühlt, unter Schmerzen laufen zu müssen, hatte es ja leider bereits selber am eigenen Körper erfahren müssen. Ich hatte unglaublich großen Respekt vor dieser Frau. Als ich in Rabanal del Camino ankomme, finde ich 2 Herbergen nebeneinander vor. Eine modernere mit angeschlossenem Restaurant und schöner Gast-Terasse und die kommunale Herberge. Ich entschließe mich heute für die modernere. Wahrscheinlich, weil ich große Lust auf ein Bier hatte und dort sofort eines bekommen würde. Wie ich später erfahren sollte, waren die Ungarn in der kommunalen Herberge untergebracht. Wir gingen später aber im Ortszentrum miteinander Abendessen. In meiner Herberge waren heute sehr viele deutsche Pilger mittleren Alters, die sich alle eines Gepäcktransportservices bedienten und dies, obwohl sie keine sichtbaren körperlichen Beeinträchtigungen aufwiesen. Jeder soll den Weg gehen wie er will - meine Art des Pilgerns wäre das aber nicht gewesen.


Dienstag, 4. Juni 2013

Tag 65: Leon - Hospital de Órbigo

Von Leon nach Hospital de Órbigo
Distanz: 35,3 KM
Unterkunft Hospital de Órbigo: Albergue San Miguel

Kurz vor Hospital de Órbigo
Ich muss wieder raus aus der Stadt! Die letzte große Ansammlung von Menschen vor Santiago de Compostela hinter mir lassen! Das ist mein Wunsch. Ich halte die vielen Menschen nicht mehr aus. Viele Pilger sind heute vor mir unterwegs. Es sind jetzt noch rund 325 Kilometer bis zur Apostelstadt. Pilger, die rund 2 Wochen Zeit haben, um ihren Camino zu gehen, werden wohl auch in Leon starten. Die Kathedrale war sehr imposant, die Stadt als Ganzes strahlte unglaublich - es ist aber auch ein großer Kontrast zum einfachen Pilgerleben. Der riesige Schlafsaal, in dem Massen von Menschen wie in einer Sardinenbüchse gestapelt scheinen, machte mir sehr stark zu schaffen. Ich frage mich, ab wann man von menschenunwürdigen Bedingungen sprechen kann. Sehr weit davon entfernt kann es aber wirklich nicht mehr sein. Die Geräusch- und Geruchskulisse war erschreckend. Ich spüre noch, dass es meinem Körper nicht gut geht, Trotzdem laufe ich raschen Schrittes aus der Stadt, flüchte von den Pilgern hinter mir, holen jene vor mir rasch ein. Ich habe nun - wie ich es eigentlich immer wollte - gar keinen Zeitdruck mehr. Roman wird nicht nach Santiago kommen. Eigentlich macht mich der Gedanke froh, auch weiterhin nur mir selber verantwortlich sein zu müssen. Das "planlose" Pilgern kann also weiter gehen. Wobei man bei so vielen gelben Pfeilen am Weg und der Anzahl an Führern im Rucksack wohl doch nicht von ganz planlos reden kann. Unbeschwert halt. Mein Körper fühlt sich heute sichtlich schlapp an. Die heutige Etappe, die fast nur neben der Straße verläuft ist dem natürlich alles andere als zuträglich. Die Abgase nerven mich schnell. Ich hätte mich wohl für die landschaftlich reizvollere, etwas längere  Alternativ-Variante entscheiden sollen. So laufe ich stupide die originale, etwas kürzere Straßenvariante - selber Schuld! Ich hatte die Abzweigung aber auch wieder einmal so oder so übersehen. Die Strecke nervt mich so unglaublich, dass ich auch fast keine Fotos mache - es gäbe aber auch nicht sehr viel Reizvolles zu fotografieren.

Die längste Brücke auf dem Camino Francés: Puente de
Órbigo
Unterwegs treffe ich auf den Ungarn-Express. Zunächst treffe ich Attila, dann den alten Sándor und Gabriel, der um die 40 sein dürfte. Attila fühlte sich bei seinen Landsleuten sichtlich wohl - ich wollte alleine bleiben und lief vor. Die Sonne brannte heute richtig herunter - gut möglich, dass mein Empfinden durch mein Unwohlsein verstärkt wurde. Im Laufe des Tages sollte es mir dann aber besser gehen. Ich erreichte Hospital de Órbigo um kurz nach 13:00. Eine große Brücke, die allerdings größtenteils nicht über Wasser führt begrüßt den Pilger auf dem Weg ins Dorfinnere. Mit knapp 300 Metern soll es die größte Brücke am ganzen Camino sein. Auf einer größeren Ebene vor dem Ort sind noch Holzbauten zu sehen. Fahnen und Wimpel waren auch noch aufgehängt und flatterten lustig im Wind. Wie ich später erfuhr, fand dort vor wenigen Tagen ein Mittelalterfest mit Schauturnier statt. Da ich mich nicht gut fühlte, suchte ich mir eine Herberge. Ich wurde schnell in der Albergue San Miguel fündig, die mir einen sehr guten Eindruck machte. 

Montag, 3. Juni 2013

Tag 64: Reliegos - Leon

Von Reliegos nach Leon
Distanz: 25,2 KM
Unterkunft Leon: Albergue de las Carbajalas

Strahlender Sonnenschein am 1. Tag meines 33. Lebensjahres
Ich laufe um 7 Uhr alleine los. Der Morgen ist wunderschön, beinahe schon kitschig schön. In Mansilla de las Mulas gibt es in einem Café ein Frühstück - Croissant und Café con Leche. Die 3 spanischen Pilgerinnen, die ich gestern kurz in der Pilgerherberge traf sind auch da. Ich setze mich zu ihnen, sie sind sehr nett. Trotz früher Morgenstunde läuft im Hintergrund bereits der Fernseher. Es wird von Überschwemmungen in Österreich berichtet. Ich glaube zuerst, ich sehe nicht recht. Ich glaube, die Donau erkennen zu können. Ich bin so unendlich scheinend weit weg von zu Hause. An einem strahlend sonnigen Tag laufe ich auf meinem Camino und zu Hause geht die Welt unter. Die Spanierinnen können mich zumindest dahingehend beruhigen, als dass es bis dato noch keine Opfer zu beklagen gab. Ich bin Mitglied bei der Feuerwehr in meinem Heimatort - ich kann mir vorstellen, dass meine Kameraden allerhand zu tun haben werden. Ich verabschiede mich von den Spanierinnen und ziehe alleine weiter.

Auch Antoni Gaudí ist heute bei mir
Als ich mit meinem Südkoreanischen Pilgerfreund in Leon ankomme, ist Attila bereits in der Herberge einquartiert. Von allen Herbergen, die mir auf meinem Weg unterkamen, war jene hier wohl die schlimmste. Ein riesiger Schlafsaal mit mindestens 50 Pilgern. Die Geschlechter wurden von vorn herein getrennt. Ich frage mich, was Ehepaare in diesem Moment wohl gefühlt haben mögen. Alles ist eine Massenabfertigung. Immerhin ein paar Worte kann ich mit der deutschen Hospitalera wechseln. Sie redet mich auf Deutsch an, da sie im Pass liest, dass ich Österreicher bin. Sie gibt mir den Tipp, in Santiago am Abend die Führung der deutschen Jakobsfreunde rund um und in der Kathedrale mitzumachen. Als ich den Saal betrete, ist die Luft bereits eine Katastrophe. Viele Pilger liegen bereits in ihren Betten und versuchen, zur Ruhe zu kommen. Neben mir liegt heute ein Österreicher. Ich unterhalte mich gerne mit ihm, weiß aber, dass wir nicht sehr viel miteinander gemein haben. Man merkt auf dem Camino sehr schnell, mit wem man einen guten Draht aufbauen kann, und mit wem nicht. Ich versuche, jedem Pilger unvoreingenommen und freundlich gegenüber zu treten, meistens ist mir das dann auch gelungen.
 
Leon ist eine sehr teure Stadt. Der Kathedral-Besuch kostet 5 Euro, ein kleines Baguette in einer Fastfood-Kette kostet 6,5 Euro. Attila lud mich auf ein Frozen Yogurt ein, dass wir auf dem großen Platz vor der Kathedrale genossen. Wir besichtigen gemeinsam das Gotteshaus. Die Glasmalereien sind fantastisch. Dennoch gefällt mir die Kathedrale in Burgos besser.

Die prachtvolle Kathedrale in Leon
Es ist schön, heute einen halben Tag Zeit zur Besichtigung von Leon haben zu können. Attila und ich besuchen noch weitere Highlights der Stadt, die Attila in seinem ungarischen Führer ausfindig machen konnte. Wir treffen auch auf einen Deutschen, der mit seiner US-amerikanischen Freundin seit einigen Tagen in Leon festsitzt, da er körperlich größere Probleme hat. Wir trinken miteinander ein Bier. Ich gehe dann noch einkaufen, ich habe einfach keine Lust auf ein Pilgermenü. Attila will mit anderen Pilgern zu einem Hotspot-Platz Leons. Viel Zeit hat er nicht, die Pforten der Herberge schließen bereits um 22 Uhr. So setze ich mich mit meinem Abendessen in den Innenhof der Herberge. Es dauert auch nicht lang, bis sich andere Pilger zu mir setzen, alles Deutsche. Im Hintergrund telefoniert ein Deutscher Pilger lautstark mit seiner Familie in Deutschland. Es ist ein dummes, nicht aussagekräftiges, oberflächliches Gespräch. Ich ärgere mich kurz, dass ich den Nonsens dieser Sinnlosigkeit mit anhören muss. Als wir eine 4-köpfige Gruppe sind, bestellen wir im benachbarten Gastrobetrieb ein Bier. Die Ruhe wird nur gestört, als eine Geistliche alle zum Aufstehen auffordert. Ziemlich vehement verweist sie auf den gleich beginnenden Gottesdienst in der hauseigenen Kapelle. Mir ist die aufdringliche Art zuwider, ich bleibe, so wie die anderen auch, sitzen. ich lasse mich nicht zu etwas verpflichten. Ich habe am Camino zu meiner Freiheit gefunden, die ich jetzt nicht mehr missen möchte. Ich will mich an Regeln halten, niemand anderem zu Last fallen. Ich will aber auch nicht von anderen zu etwas verpflichtet werden.
 

Nach Pamplona und Burgos, ist Leon die letzte große Stadt vor Santiago de Compostela. Ich fühle mich heute Abend fiebrig und habe etwas Kopfweh. Ich weiß heute, dass ich am 12. Juni in Santiago sein will. Zum ersten Mal überhaupt hab ich ein Datum im Kopf, jener Zeitpunkt, der das Ende meiner Pilgerreise darstellen könnte.

Sonntag, 2. Juni 2013

Tag 63: Terradillos de los Templarios - Reliegos

Von Terradillos de los Templarios nach Reliegos
Distanz: 44,4 KM
Unterkunft Reliegos: Albergue Gil

Das erste Foto mit 33 Jahren
Ich habe sehr gut geschlafen. Nur zu 3. im Zimmer - daran könnte ich mich gerne gewöhnen! Ich lade Attila zu einem einfachen Frühstück ein. Die Kanadierin hatte ihr Frühstück bereits hinter sich und war noch an einem der Herberg-PC´s im Internet unterwegs. Wir starten recht zeitig. Es ist abermals ein herrlich sonniger Tag. Ich bin richtig motiviert, heute könnten es viele Kilometer werden! Die Landschaft ist für mich immer noch gleich einem kleinen Wunder. Ich bin es schlicht nicht gewohnt, so weit sehen zu können. Die vielen Berge in der Heimat machen dies unmöglich. Die Temperaturen sind am Morgen noch recht kühl, perfekt um zu pilgern. Ich bitte Attila ein Foto von mir zu machen. Das erste Foto mit meinem neuen Alter.  In Sahagún finde ich ein kleines Café mit dazugehöriger Konditorei. Es hilft nichts - es muss ein Geburtstagskuchen her. Zu Hause hätte mir meine Mutter wohl einen Erdbeerkuchen mit traditionell an meinem Geburtstag ersten eigenen reifen Erdbeeren aus dem Garten gebacken.
 
Brücke kurz vor Sahagún
Ein rumänischer Pilger setzt sich neben mich - wir unterhalten uns. Er ist deutlich untersetzt und tut sich auf seinem Camino sehr schwer. Ich will ihm nicht sagen, wieviel Kilometer ich schon hinter mir habe, aber er fragt mich nach meinem Startort. Er glaubt mir zunächst nicht, meint aber, einen "verrückten" Ungarn kennengelernt zu haben, der ebenfalls von zu Hause aus aufgebrochen war. So gesehen halte er es dann doch auch für möglich. Er habe noch einen anderen Pilger aus Österreich kennengelernt. Er sei auch von zu Hause aus aufgebrochen - kein Zweifel, er meint Hans! Er bejaht sofort und meint, er müsse ganz in der Nähe sein. Vielleicht würde ich Hans nun doch noch kennenlernen können, nachdem ich ihm schon gute 2 Monate hinterher renne, quasi zu seinem Schatten geworden bin. Dann taucht auf einmal Attila auf. Ich lade ihn sofort zu Limo und Kuchen ein. Ein Pilger neben uns fragt auf Englisch allgemein in die Runde, was heute für ein Wochentag und was für ein Datum sei. Im Nachsatz meint er aber noch, "but is it really important anyway"?, und lacht. Ich sage ihm, dass ich es an diesem speziellen Tage sehr genau weiß, da heute mein Geburtstag sei. Dann ging es ganz schnell - der Pilger, der sich danach als Johnny vorstellte, packt eine kleine Gitarre aus und gibt mir ein Geburtstagsständchen. Es ist ein wenig skurril, aber ich freue mich doch sehr darüber.
 
Wunderschöner Camino
In einem kleinen Geschäft bekomme ich noch alles, was ich an Proviant für den heutigen Tag noch brauchen würde. Ich habe jetzt immer genügend Wasser bei mir - der gestrige Tag war mir eine Lehre. Die heutige Etappe sollte eine der härteren Sorte werden. Die Sonne brannte heute erbarmungslos herunter. Zum Glück war es erst Anfang Juni, im Hochsommer muss es noch extremer sein. Es ist nahezu nie Schatten vorhanden. Die Bäume entlang des Weges vermögen kaum für Abkühlung zu sorgen. Es ist heute sehr monoton. Gerade recht, um sich Gedanken machen zu können. Ich treffe heute unterwegs vielleicht 10 Pilger. Es stehen ab Sahagún 2 Varianten zur Fortsetzung zur Auswahl. Ich entschied mich nicht bewusst für eine, denn ich hatte die Abzweigung schlicht einfach nicht bemerkt. So wanderte ich über Bercianos del Real Camino bis nach Reliegos. Im Nachhinein wäre die Via Trajana wohl doch vorzuziehen gewesen, wenngleich es wohl keinen großen Unterschied gemacht hätte. Beide Varianten sind in etwa gleich lang. Kurz vor Reliegos treffe ich noch auf ein österreichisches Paar aus Linz. Natürlich nähten sie die rot-weiß-rote Fahne auf deren Rucksäcke. Ja, jeder muss wissen dass ich aus der kleinen Alpenrepublik komme und was Besonderes bin :-). Sie waren den 11. Tag unterwegs und starteten in Logroño.

Heute bin ich in einem 4-Bettzimmer untergebracht. Ein älterer Franzose und eine junge Russin sind bei meiner Ankunft bereits im Zimmer und ruhen sich aus. Beide schauen sehr müde aus. Es kommt daher zu keinem Gespräch. Das Bad ist großzügigst gestaltet. Ich schreibe in der untergehenden Sonne mein Tagebuch und trinke 1, 2 Bier. Es ist mein Geburtstag - ich hätte meine Zimmerkollegen gerne auf ein Getränk eingeladen, sie machen jedoch keine Anstalten, aufzustehen. So ist das halt auf dem Camino, es gibt Tage, da lernt man viele interessante Menschen kennen, an anderen Tagen ist es eben nicht so. Es hängt natürlich auch sehr stark von einem selber ab - man ist nicht immer gewillt, Menschen auf sich zukommen zu lassen. So sitze ich heute alleine beim abendlichen Pilgermenü. Die Bar ist sehr gut gefüllt. Die Einheimischen spielen Karten, rauchen und trinken. Ich bin ein Fremdkörper - werde aber geduldet. Das Essen schmeckt heute nicht wirklich gut.

Samstag, 1. Juni 2013

Tag 62: Fromista - Terradillos de los Templarios

Von Frómista nach Terradillos de los Templarios
Distanz: 46,9 KM
Unterkunft Terradillos de los Templarios: Albergue Los Templarios

Der Camino begrüßt mich heute mit Sonnenschein
Ich breche wieder alleine auf. Es war ein schöner Abend gestern. Heute sollen es aber wieder deutlich mehr Kilometer werden. Die 25 gestern waren zu wenig. Mein Körper kann und will mehr. Ich liebe es, am Abend müde in einem Herbergsbett einzuschlafen. Es ist eine gute, gesunde Müdigkeit die einem überkommt, wenn man seinen Körper an die Grenzen oder vielleicht auch leicht darüber geführt hat. Ich sehe am Morgen weder Helena und Hakan, noch die Canadian Girls. Auch Attila ist nicht zu sehen. Es ist wiederum ein strahlend schöner Tag. Nur ein paar einzelne Wolken trüben den blauen Himmel. Es ist heute Morgen wiederum eine wunderschöne Stimmung. 
Pilger hoch zu Ross inmitten der Meseta
Nach einer guten halben Stunde erreiche ich Población de Campos, wo ich mir ein Frühstück kaufe. Ein halbes Ciabatta und Ananassaft stehen auf dem Frühstücksplan.  In Carrión de los Condes trinke ich einen Kaffee und esse ein Croissant. Jetzt wäre es richtig gewesen, sich ausreichend mit Flüssigkeit einzudecken. Mein Führer rät auch dazu. Allerdings las ich diesen Tipp erst im Nachhinein. So machte ich mich mit viel zu wenig Flüssigkeit wieder auf den Weg. Und so lief ich bei brütender Hitze gute 4 Stunden bis Calzadilla de la Cueza. Sicher 2 Stunden musste ich ohne Wasser auskommen. Wie aus dem Nichts kam der kleine Ort Calzadilla de la Cueza in mein Blickfeld. In der örtlichen Bodega trank ich erst einmal 1,5 Liter Mineralwasser bzw. Zitronenlimo. Es gab auch eine Käse-Tortilla. In der kleinen Bodega machten auch Buspilger Station, wodurch die Servierkräfte alle Hände voll zu tun hatten. Ich fing an eine Abneigung gegen die motorisierten Pilger zu haben, obwohl sie mir nichts getan hatten. Ich war einfach müde und geschafft. Die Meseta mit ihrer tödlichen Schönheit schaffte mich sichtlich. Ich kaufte noch 1,5 Liter Mineralwasser für die weitere Strecke und machte mich wieder auf den Weg. Gute 2 Stunden würde ich noch bis Terradillos de los Templarios benötigen. 

Die Herberge in Terradillos de los Templarios
Die Herberge lag direkt neben dem Camino. Heute hab ich Glück und ergattere noch ein 4-Bettzimmer. Es kostet nur wenige Euro mehr als ein 8-Bettzimmer. Das ist es mir in jedem Fall wert! Ich wusch meine Wäsche und bestellte 1 großes Bier, als Attila plötzlich wieder vor mir stand. Er nahm sich auch sogleich ein Bett in meinem Zimmer. Ich war froh, dass er da war. So war die Wahrscheinlichkeit recht groß, meinen morgigen 33. Geburtstag nicht alleine verbringen zu müssen. Mit uns war noch eine Kanadierin mittleren Alters, das 4. Bett blieb frei. Gemeinsam mit der Kanadierin und 2 ihr bekannten US-Girls aßen Attila und ich zu Abend. Das Essen war nicht besonders viel oder gut, aber es reichte. Ansonsten ist die Herberge mehr als nur zu empfehlen. Auch ein großer Garten stand zur Verfügung, der gerne von den Pilgern in Anspruch genommen wurde. Ich höre 2 englischsprechenden, älteren Pilgern zu, wie sie über ihre Wewehchen sinnieren. Der Camino hat es wahrlich in sich.
 

Ich habe auf meinem Camino sehr viele Pilger mit unterschiedlichsten Problemen - physisch wie psychisch - kennenlernen dürfen. Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen, dass so ein langer Camino nur dann erfolgreich beendet werden kann, wenn es einem einigermaßen gut geht. Körperlich wie auch im Kopf. Andernfalls ist man wohl zum Scheitern verurteit - zu viel fordert der Weg einem ab. Glück gehört aber bis zu einem gewissen Grad natürlich auch dazu. Ich hatte großes Gottvertrauen. Mein Wille, nach Santiago und weiter bis zum "Ende der Welt" zu kommen war groß und wurde auch jetzt noch immer größer. Ich war dankbar dafür, wie wei ich nun schon in 2 Monaten gekommen war. In rund 2 Wochen könnte ich vielleicht schon vor der Kathedrale Santiagos stehen.

Freitag, 31. Mai 2013

Tag 61: Castrojeriz - Frómista

Von Castrojeriz nach Frómista
Distanz: 25,1 KM
Unterkunft Frómista: Albergue Municipal de Peregrinos

Das Convento de Santa Clara in der Morgensonne
Die Tau-Kreuze vom Convento de Santa Clara ließen mir keine Ruhe. Obwohl der "Klostershop" erst um 10.00 aufmachen würde, also zu einem Zeitpunkt, wo ein Pilger leicht schon 2 Stunden auf dem Camino sein würde, musste ich noch dorthin. Es war ein strahlend schöner Tag heute. Ich verabschiedete mich von Helena und Hakan. Sie meinen noch, auch gern eines der Kreuze haben zu wollen, jedoch nicht die Geduld dafür aufbringen zu wollen. So laufe ich an jenem Morgen als einziger Pilger in Richtung Osten auf das wunderbar idyllisch gelegene Kloster zu. Die Stimmung heute Morgen ist besonders schön, die traumhafte Landschaft tut das ihrige dazu. Als ich gegen 08.00 beim Kloster ankomme, ist keine Menschenseele zu sehen, es stehen jedoch 2 Autos vor der Anmeldepforte. Ich betrete die Kirche, wo sich die Nonnen gerade zum Morgengebet versammelt haben. Ich bin der einzige "Gast" im Gotteshaus und lausche dem Gesang. Bereits nach einer halben Stunde ziehen sich die ehrwürdigen Schwestern wieder zurück. Ich sehe meine Chance gekommen und spreche eine betagte Schwester vor der Pforte an. Sie versteht sofort was ich will und so kann ich 10 Tau- oder auch Pilgerkreuze erstehen. Ich möchte meiner Familie und Freunden welche mitnehmen, damit sie sich früher oder später auch einmal auf Pilgerschaft begeben können. Ich bin froh, nicht bis 10.00 gewartet haben zu müssen und mache mich umgehend wieder auf den Weg.
 
Die unendlich wirkende Meseta
Es ist heute ein wunderbarer Weg. Ich bin inmitten der Weiten der Meseta. Obwohl ich recht spät auf den Camino kam, war ich beinahe nie alleine unterwegs. Allerdings war der Weg weit nicht so voll wie befürchtet. In meinem Führer stand, man solle die Mittagshitze möglichst meiden und tatsächlich brannte die Sonne heute unbarmherzig auf mich herab. Nach vielleicht 2 Stunden erreichte ich einen Pilgerrastplatz, wo man auch Getränke und Früchte erwerben konnte. Helena und Hakan sitzen auch gut gelaunt dort. Helena lacht und kann nicht glauben, dass ich sie schon eingeholt habe. Ich erkläre ihr, dass ich nicht bis 10 Uhr auf die Nonnen warten musste und übergebe ihr ein Tau-Kreuz. Auch Hakan bekommt eines. Sie wollen die Kreuze bezahlen, ich lehne ab. Sie freuen sich sichtlich sehr darüber. Ich raste auch eine viertel Stunde, verabschiede mich dann aber bald.  

Wir sollten uns in Frómista wiedersehen. Auch eine Gruppe von 4 jungen Damen aus den USA bzw. Kanada, die miteinander den Camino liefen und die ich kurz vor Frómista kennenlernen konnte. Es waren heute nur 25 Kilometer. Irgendwie hat es sich halt so ergeben. Die Bekanntschaften freuen mich sehr und ich genoss es, ein kühles Bier im Freien trinken zu können. Eine Bodega war unmittelbar neben der Herberge. Bald waren wir eine größere Gruppe und unterhielten uns prächtig. Die Tatsache, dass ich heute nicht sehr viele Kilometer machte führte dazu, dass viele Pilger, die gestern ebenfalls in Castrojeriz übernachtet hatten, heute in Frómista nächtigen sollten. Es war quasi eine logische, nicht all zu ambitionierte Etappe heute. Attila hatte heute 2 Ungarinnen kennengelernt und schien besonders an der jüngeren Gefallen gefunden zu haben. Sie sollten ebenfalls in unserer Herberge übernachten. Der kleine Ungar sollte mir auch auf meinen letzten Camino-Kilometern immer wieder begegnen.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Tag 60: Burgos - Castrojeriz

Von Burgos nach Castrojeriz
Distanz: 40,9 KM
Unterkunft Castrojeriz: Refugio tradicional de Castrojeriz

Am Stadtrand von Burgos
Diese Nacht konnte ich sehr gut schlafen. Die beiden wohlbeleibten Spanier hatten es am Morgen wiederum sehr eilig. Einer erzählt mir, dass sie ihren Camino für dies Jahr beendet haben und heute nach Barcelona fliegen würden. Ich bin froh, denn deren Sägerei war doch auch sehr anstrengend. Ich packe schnell meine Sachen, verabschiede mich von den Südtirolern und mache mich wieder auf den Weg. Es gilt noch die Postkarten einzuwerfen. So eine große Stadt, ich finde aber keine Postkästen. So frage ich in einem kleinen Café, wo ich auch gleich ein Frühstück einnehme. Die Dame ist sehr nett und bietet mir an, die Karten für mich einzuwerfen. Ich bin zunächst skeptisch, willige dann aber doch gerne ein. Die Karten sind dann auch wirklich angekommen. Es ist ein teils  leicht bewölkter, teils sonniger Tag heute, zum nahezu perfekt, um zu laufen. Viele Pilger verlassen gerade die Stadt. Burgos wird wohl aufgrund seiner verkehrspolitischen Bedeutung für Viele Ausgangspunkt für deren Pilgerfahrt sein. Schon recht nahe dem Stadtrand, aber noch vor dem El Parral, der großen Parkanlage Burgos, bitte ich 2 Kinder ein Foto von mir zu machen. Eine Eisenstatue bietet sich als Fotomotiv gerade an. Die Statue stellt eine Frau mit Milchkannen dar.

Nach 60 Tagen hatte ich die Meseta erreicht
Ich überhole viele Pilger, bin froh, wieder aus der Stadt hinaus zu kommen. Ich komme nach rund 2 1/2 Stunden nach Rabé de las Calzadas. Plötzlich, ohne dass ich es groß im Führer erlesen hätte, ändert sich die Landschaft. Ich betrete die Tierra de Campos. Unendliche Getreidefelder und andere landwirtschaftliche Flächen erstrecken sich vor mir. Kein Zweifel, ich hatte die Meseta erreicht. Als Bergbewohner, der selten weiter als bis zum nächsten Hügel oder Berg schauen kann war es eine wahre Wohltat. Der Horizont schien so unendlich weit weg. Jenseits pulsierender Zentren und Verkehrsadern unserer Zivilisation kam ich mir nun wieder wie ein echter Pilger vergangener Zeiten vor. San Antón war für mich ein sehr kraftvoller Ort, wenngleich nicht mehr viel aus der alten Zeit zu sehen ist. Die Straße führt durch einen steinerne Bogen der Klosterruine. Ich habe gelesen, dass das Tau-Kreuz dort seinen Ursprung haben dürfte. Ich hoffe, irgendwo ein Pilgerkreuz erstehen zu können.

Die Klosterruine St. Antóns
Als ich in Castrojeriz ankomme, merke ich dass sich ein Stein in einen meiner Stöcke hineingeraten ist. Wie kann denn das sein? ich blicke auf die Spitzen und stelle fest, dass es gar keine Spitzen mehr sind. In den 2 Monaten hatte ich meine damals niegelnagelneuen Stöcke "runtergelaufen" - so kann ich wenigstens sagen, sie haben ihren Zweck definitiv erfüllt. Wie oft kauft man etwas und nutzt es doch viel zu selten. Ohne die beiden Stöcke wär ich niemals so weit gekommen, spätesten bei meinen körperlichen Gebrechen zu Beginn meines Camino wäre ich ohne sie unmöglich weitergekommen. Ich beschließe sie noch weiter zu nutzen, mehr als dass sie noch kürzer werden, kann ja nicht passieren... Ich bin mit den Stöcken übrigens noch bis Fisterra gelaufen, so sehr hatte ich mich an sie gewöhnt, so gute Dienste hatten sie mir erwiesen. Letzte Woche (es ist jetzt Mitte November, wenn ich diese Zeilen schreibe) entsorgte ich sie schließlich schweren Herzens. Ein Irischer Pilger kommt mir bald entgegen und meint, in der Herberge San Esteban sei leider kein Platz mehr verfügbar. Schade, die Unterkunft sah sehr einladend aus. Ich ergattere in der Herberge San Juan aber noch ein Bett. Die Herberge ist sehr einfach. Es gibt kein heißes Wasser (mehr). Die Betten sind nicht sehr alt und schmuddelig. Ich habe aber meinen Schlafsack, drum lässt mich das relativ kalt. Ich lerne eine junge Wienerin und ihren deutschen Begleiter kennen - sie pilgern bereits seit einigen Tagen gemeinsam. In einer Bar lerne ich beim Tagebuchschreiben und Biertrinken eine deutsche Pilgerin mittleren Alters kennen. Wir verabreden uns später zum Abendessen. Ich muss zuerst noch zum Convento de Santa Clara, denn dort soll es im Klostershop die von mir begehrten Tau-Kreuze geben. Das Kloster liegt rund eine halbe Stunde vor Castrojeriz. So ging ich noch einmal rund 1 Stunde - und das leider sinnlos, wie sich leider herausstellen sollte. Der Shop war bei meiner Ankunft bereits geschlossen, die Angaben im Führer stimmten leider nicht.

Das Abendessen war dafür köstlich. Ein deutsches Pilgerpaar saß ebenfalls an unserem Tisch und wir unterhielten uns sehr gut.