Montag, 8. April 2013

Tag 8: Flüeli-Ranft - Brienzwiler

Von Flüeli-Ranft nach Brienzwiler
Distanz: 25,8 KM
Unterkunft Brienzwiler: Pilgerherberge
 

Der Camino zwischen Flüeli-Ranft und
Brienzwiler
Ich wache auf - es ist nach wie vor furchtbar kalt - das kann nicht mehr gesund sein. Mit warmer Mütze auf dem Kopf war es noch irgendwie auszuhalten. Meine gestern noch gewaschenen Kleider wurden natürlich nicht trocken. Ziemlich schwach und starr wie ein Stück Holz packe ich meine sieben Sachen zusammen und gehe zum Haupthaus, wo ich bereits zum Frühstück erwartet wurde. Die Hofherrin hat mit dem Nachwuchs zu tun, es kommt daher zu keinem Gespräch. Da ich aber nichts Positives über vergangene Nacht hätte sagen können, ist es vielleicht auch besser so. Sie erwähnt nur, dass neulich Pilger da waren, die aufgrund der Kälte im unteren Aufenthaltsraum übernachtet hätten. Sie weiß jedoch leider nicht, welches Endziel die Pilgergruppe hatte. Genf oder doch vielleicht Santiago? Freiwillig bei winterlichen Verhältnissen "nur" bis Genf pilgern zu wollen, erscheint mir widersinnig. Da könnte man doch leicht auf wärmere Tage warten. Ich frühstücke nicht sehr viel, musste einen Meldezettel ausfüllen und mach mich wieder auf den Weg. Ich bin jetzt bereits über eine Woche auf dem Camino. Gerade Situationen wie vergangene Nacht lassen mich schon des Öfteren ob der Sinnhaftigkeit meines Unterfangens nachdenken. Mein Knie schmerzte heute einigermaßen und der Brünigpass stand heute eventuell auch noch auf dem Programm. Bei den größeren Steigungen tat ich mir heute ausnehmend schwer. ich fühlte mich sehr schwach an diesem Dienstag. Auf dem Weg zum Brünigpass lag sehr viel Schnee. Das Vorankommen war mühsam. Auf dem Weg passierte ich auch ziemlich überraschend eine kleine Pilgerstelle, wo auch ein Buch aufgelegen ist. Eine Pilgerin mit Namen Christa schreibt dort von der Pilgerherberge in Brienzwiler, wo sie sehr nett aufgenommen worden ist. Ich bin sehr dankbar über diese Information. Nach der vergangenen Nacht würde ich mich über eine schöne Unterbringung und über Kontakt mit netten Menschen sehr freuen. Christa ist in Brienzwiler umgedreht und hat den Camino scheinbar in die andere Richtung wieder fortgesetzt. Ihr scheint es also wirklich um den Camino gegangen zu sein, nicht unbedingt darum, ein Ziel erreichen zu müssen. Mir imponiert dieser Gedanke. So frei und selbstsicher war ich nicht. Menschen laufen den Weg, ohne an ein Ziel kommen zu müssen. Sie laufen des Weges willen. Respekt.

Briefkasten mit Pilgerbuch bei einer
Pilgerstation kurz vor Brienzwiler 
Ich dachte zuerst daran, eventuell auf der Alpenvereinshütte auf dem Pass zu übernachten. Sie war jedoch - vermutlich wohl aufgrund der vorhandenen Schneelage - geschlossen. Ich war hin und wieder einfach zu optimistisch unterwegs. So wollte ich unbedingt bis nach Brienzwiler weiterpilgern. Auf dem Pass und kurz danach waren dann auch noch einige laminierte Flyer zu sehen, die auf die Pilgerherberge verwiesen. Ich hatte mich mit den Pilgerherbergen gar nie so richtig auseinandergesetzt. Ich wusste nicht, wie es dort zugehen, was mich dort erwarten würde. Bis jetzt konnte ich noch in keiner nächtigen. Im Nachhinein bereue ich es sehr, dass ich es im schönen Rapperswil nicht erwartet hatte - dort wäre eine schöne, neue Herberge gewesen. Die traumhafte Stadt, dazu noch gepaart mit herrlichem Wetter hätten mir gut getan. Aber nein, ich musste ja weiter gehen und landete schließlich in Pfäiffikon in einer weit weniger idealen Unterkunft. Bei teils herrlichem Sonnenschein stapfte ich durch Waldstücke auf schneebedeckten Pfaden. Es war teils wirklich grenzwertig mit dem Vorankommen. Das zahlreiche Laub auf den Waldwegen machten diese sehr rutschig. Ich musste langsam und vorsichtig gehen.
 
Auf dem Brünig-Pass
Ich war froh, als ich mich langsam auch von der doch vielbefahrenen Pass-Straße entfernen konnte. Wolken zogen auf und plötzlich setzte Regen ein, als ich nur sehr mühsam vorankommend durch den dichten Wald ging. Ich war glücklich, als ich dann bei sehr starkem Regen endlich Brienzwiler erreichte. Eine große Glocke hing vor der sehr einladend wirkenden Pilgerherberge, die ich auch sogleich freudig in Schwingung versetzte. Etwas überrascht öffnet mir eine Frau die Türe. Man hat wohl ob der späten Stunde nicht mehr wirklich mit mir gerechnet. Die "Herbergsmutter", mit Namen Regula, meinte dann aber auch sofort, "man weiß nie, wann Pilger auftauchen. Pilger sind frei. Sie gehen so lange und so weit wie sie wollen." Das gefällt mir! Genau so empfinde ich auch. Obwohl ich sehr nass war, mussten zunächst die Anmeldeformalitäten erledigt werden. Ordnung muss sein und ich hatte auch Verständnis dafür, wenngleich ich mich nach einer heißen Dusche sehnte. Der Herbergsvater und Ehemann von Regula, Christian stieß inzwischen zu uns und half mir mit meinen nassen Sachen. Ich übergab meinen Pilgerpass und gab darüber Auskunft, von wo aus ich meinen Camino und meine Tagesetappe gestartet hatte. Und auch wohin ich noch gehen will. Die beiden freuten sich sichtlich über mein Vorhaben, bis zur Apostelstadt gehen zu wollen. Sie wirken aber auch nicht wirklich überrascht. Wenn man in der Schweiz im Frühjahr eine Pilgerherberge aufsucht, scheint das Ziel Santiago logisch nachvollziehbar zu sein. Im Pilgerbuch konnte ich erlesen, dass sich einige Santiago als Ziel ausgesucht hatten. Allerdings gehen die meisten nicht alles "am Stück", sondern gehen den Weg etappenweise. Überrascht war ich doch, dass beinahe alle in Brienzwiler verweilenden Pilger in Flüeli-Ranft gestartet waren. ich war also von meinem Tagespensum absolut im Durchschnitt unterwegs. Ich war am 8. Tag meines Camino physisch wie psychisch noch weit nicht dort, wie es später dann sein sollte. Die heutige Etappe etwa hat mich ob des Schnees und des schlechten Wetters ziemlich geschlaucht. Die zu bewältigenden Höhenmeter taten ihr übriges dazu. Übrigens konnte ich mich als 900. Gast der Herberge im Anmeldebuch eintragen lassen! 
 
Regula und Christian vor ihrer Pilgerherberge
in Brienzwiler
Die beiden waren vielleicht auch irgendwie froh, noch unerwarteterweise Gesellschaft bekommen zu haben. Sie kümmerten sich sehr nett um mich. Ich bekam Waschmittel für meine Kleider zur Verfügung gestellt, Christian half mir beim Aufhängen der nassen Kleidungsstücke. Ein gemütlicher Kamin in der Gaststube würde meine Kleider heute sehr gut trocknen lassen. Die beiden richteten im Nu das Abendessen her. Ich hatte einen riesigen Hunger! Christian quittierte dies nur mit einem Lächeln und dem Satz "ist doch schön wenn es einem schmeckt". Es gab eine Kürbiscremesuppe, Spinatfladen und ein Reisgericht. Als Dessert noch eine Art Himbeercreme. Ich war - speziell nach den Erlebnissen des Vortags - rundum glücklich. Vor allem auch, weil ich nach längerer Zeit wieder Menschen zum reden hatte. Dazu noch Menschen, die, wie sie mir in der Folge auch erzählten, selber bereits mehrmals auf dem Camino unterwegs waren und daher ganz genau wussten wie es mir im Moment ergehen würde. Ich fühlte mich verstanden. Es entwickelte sich ein gutes Gespräch. Ich war mir zu dem Zeitpunkt, gerade einmal eine Woche nach Aufbruch von zu Hause, selber noch nicht über alle Fragen und Antworten im Klaren. Natürlich werde ich auch gefragt, warum ich mich auf den Camino gemacht habe und warum ich einen so langen Weg an einem Stück machen könne/wolle. Da wurde mir das erste Mal bewusst wie schwer eine solch einfach scheinende Frage beantwortet werden ist, zumindest aus meiner Sicht. Die beiden erzählten mir ausführlich, wie sie zu der Pilgerherberge in Brienzwiler gekommen sind. Von allen Problemen und Anfangsschwierigkeiten. Ich erfuhr auch von den Pilgern die vor mir hier übernachtet hatten, also mehr oder weniger weit vor mir sein würden. Hans aus Salzburg (eigentlich aus Altheim im Innkreis, Oberösterreich wie ich später erfahren würde) und Guido aus Gossau hatten in Brienzwiler übernachtet und sind mit 1, 2 Tage Vorsprung unterwegs. Auch von Christa, jene Frau die sich im Pilgerbuch auf dem Weg zum Brünig-Pass eingetragen hatte, erzählten sie. Sie würde wieder zurück nach Salzburg gehen (oder fahren?) und ein andermal den Weg fortsetzen. Dies hatte sie im Pilgerbuch ja auch angekündigt. Ich wünsche ihr, dass sie den Weg bald wird fortsetzen können - er scheint ihr auch wahrhaftig viel zu bedeuten. Genauso wie mir. Der Weg nimmt und gibt aber auch so unglaublich viel. Ich will aber nicht mehr ohne ihn sein, zumindest im Moment. Wer weiß, wie es mir auf dem Weg weiter gehen wird. Es ist eine Reise ins Ungewisse, soviel scheint klar. Auch ein interessanter junger Mann aus München, der sich gänzlich ohne Geld auf seinen Camino gemacht hat, von Christian ob seiner völlig blauen Kleidung einfach nur der "Blaue Michel" genannt, läuft vor mir. Da es meinem Knie alles andere als gut ging wusste ich nicht, ob ich die vor mir Laufenden je würde einholen können. Zumal meine täglichen Distanzen nicht sonderlich ambitioniert schienen. Das wechselhafte Wetter und die Schneeverhältnisse forderten dann doch noch zusätzlichen Tribut. Die anderen vor mir hatten aber dieselben Umstände zu bewältigen. Nachdem wir doch länger miteinander in der gemütlichen Stube geredet hatten, zog es mich dann doch rasch ins Bett. Der heutige Anstieg, der viele Schnee und der starke Regen machten mich sehr müde. Regula hatte noch eine entzündungshemmende Creme für mich - vielleicht würde sie meinem Knie gut tun. Die Herberge hat alles, was sich ein Pilger nur wünschen kann. Sollte jemand diesen Blog lesen, der sich in Bälde auf die Via Jacobi machen will, so empfehle ich mit Nachdruck zur Übernachtung in dieser großartigen Einrichtung!

Sonntag, 7. April 2013

Tag 7: Emmetten - Flüeli-Ranft

Von Emmetten nach Flüeli-Ranft
Distanz: 29,9 KM
Unterkunft Flüeli-Ranft: Fam. Rohrer-Gasser (Schlafen im Stroh)

Eine Lourdes-Grotte in Beckenried 
Der Tag beginnt sehr gut. Ich bekomme dasselbe Frühstück wie die anderen Hotelgäste. Es ist ein großes Buffet, das keine Wünsche offen lässt. Ich fühl mich für Ort und Anlass nicht passend gekleidet. Es scheint sich aber niemand sonst daran zu stören. Die Besitzerin nimmt sich Zeit und redet mit mir. Ihr Freund sei bei der Schweizer Garde und würde gerade dafür sparen, um auch auf den Camino gehen zu können. Ich bedanke mich sehr herzlich für Unterkunft und Frühstück, bekomme einen schönen Pilgerstempel (den sie nicht ohne Stolz präsentiert) und mache mich wieder auf meinen Weg. In Beckenried steht was äußerst Kurioses: ein Ebenbild der Grotte von Lourdes ist hier in klein nachgebaut worden. Im Hintergrund läuft Schweizer Volksmusik - ein kultureller Bruch, der für mich nicht auszuhalten ist - ich muss weitergehen.
Ab und zu fühlte ich mich auf meinem langen Weg auch wie
eine Schnecke
Ich habe heute das Ziel, die Heimat von Niklaus von Flüe (1417-87) zu erreichen, Flüeli-Ranft. Mit knapp 30 Kilometern wäre die heutige Etappe deutlich weiter als die bisherigen. Es ist nach wie vor sehr kalt. Als ich um halb neun an einer Temperaturanzeige vorbeikomme, hat es gerade einmal 2 Grad Celsius. Die Sonne lacht heute überhaupt nicht über mir. Ich war froh, als ich Abends sehr müde in der heutigen Unterkunft ankam. Ich sollte wieder der einzige Pilger sein, zu essen gab es nichts. Der Hunger holte mich jedoch bald ein. Ich hatte entweder die Möglichkeit zurück nach Flüeli-Ranft zu gehen, oder aber talabwärts nach Sachseln. Da ich in Flüeli-Ranft mehrere Gasthäuser gesehen habe, beschließe ich, wieder bergaufwärts zu wandern. Ich fühle mich wie eine Feder, so ganz ohne Rucksack.


Auch bei diesem Wetter war der Camino sehr schön -
 vor Flüeli Ranft
So erreiche ich nach einer halben Stunde wieder das Ortszentrum. Allerdings gestaltete sich die Gasthaussuche dann doch schwieriger als gedacht. Sie waren größtenteils bereits geschlossen oder waren gerade am schließen. Beim 4. Gasthaus hatte ich dann Glück. Es gibt ein deftiges Rösti mit Spiegelei und Speck. Mein Hunger ist heute grenzenlos. So gibt es dann noch einen Eiskaffee. Als eine Busladung voll Asiaten den Raum betritt, ausgerüstet mir Laptops und Handys, möchte ich den Raum schnell verlassen. Mit Ausnahme meines MP3-Players habe ich keine technischen Hilfsmittel bei mir - ganz bewusst hatte ich mich für diesen Weg entschieden. ich wollte vor allem frei sein - und nur so ist dies aus meiner Sicht zu machen - ohne Handy, ohne Internet. 

In der Dunkelheit ging ich den Hügel zum zweiten Mal abwärts. Als ich zum Zähneputzen gehen will, kann ich nicht. Der Hofhund stellt sich vor mich und knurrt. Er macht das, was er tun soll. Es nervt mich aber doch ein wenig. Es ist furchtbar kalt im Lager. Ich zieh mir Fließjacke und -mütze an und falle in einen unruhigen Schlaf.

Samstag, 6. April 2013

Tag 6: Alpthal - Emmetten

Von Alpthal nach Emmetten
Distanz: 23,2 KM
Unterkunft in Emmetten: Hotel Engel (Massenlager)

Der Weg auf den Haggenegg (mit 1414 Metern
der höchste Punkt der Via Jacobi) führte über
eine Schipiste
Ich frühstücke mit Frau Schuler-Marty und ihrem Mann. Wir unterhalten uns sehr gut. Hauptsächlich über das Pilgern. Viele Pilger haben bereits unter ihrem Dach übernachtet. Nicht ohne Stolz holt sie ein Gästebuch hervor, wo sich der ein oder andere Pilger auch eingetragen hatte. Ab und zu bekam sie auch eine Postkarte, wenn sie in Santiago de Compostela oder am Kap Finisterre angekommen sind. Ich verspreche, ihnen auch eine Karte zu schicken, wenn ich es denn so weit schaffen würde. Ich hatte es in Finisterre dann auch tatsächlich nicht vergessen - sie schieb mir daraufhin auch eine nette Mail, in der sie sich dafür bedankte. Als ich das freundliche Haus verlasse, liegt ein Schwalbennest auf dem Boden - hoffentlich kein schlechtes Omen für meinen weiteren Weg. Ich hatte sehr gut und viele Stunden geschlafen - ich fühlte mich an jenem Tag richtig erholt. Nur meine gewaschenen Socken wollten nicht ganz trocken werden. Keine Fragen, meine Rohner-Socken sind super. Habe bis zum heutigen Tag noch keine einzige Blase gehabt. Sie halten bei den herrschenden kühlen Temperaturen auch wunderbar warm. Allerdings trocknen sie nicht ganz so schnell wie erhofft. Wahrscheinlich hätte ich am besten einfach ein drittes Paar mitnehmen sollen. Ich befolgte den Rat des Ehepaars Schuler-Marty und lief die Asphaltstraße in Richtung Hotel Brunni und weiter bis zum Gartenstübli. Von dort aus folgte ich den Liftstützen eines Schlepplifts. Der Betrieb des Liftes musste erst vor wenigen Tagen eingestellt worden sein. Bei geschlossener Schneedecke stapfte ich Schritt für Schritt bergauf. Der dichte Nebel ließ wenig Sicht zu. Vom Kleinen und Großen Mythen war dadurch natürlich nichts zu sehen. Ein Hinweisschild einer Sennerei ist gerade noch zu erkennen. Ich verlasse die Schleppliftspur und finde mehr schlecht als Recht einen kleinen Pfad bis zum auf 1414 Meter Höhe gelegenen Berggasthaus Haggenegg. Es ist der höchste Punkt auf der gesamten Via Jacobi. Es ist wie vermutet geschlossen. Die Wegweiser rund um das Haus sind völlig zugeschneit. Völlig undenkbar, dass dort jemand den originalen Weg in Richtung Schwyz gehen würde. Ich nehme die ebenfalls in die Ebene führende Asphaltstraße.

Das Kollegium Schwyz
Ich bin froh, als ich um Viertel nach elf den Weiler Ried mit seiner kleinen Kapelle erreiche. Ich bin somit wieder auf dem regulären und bezeichneten Weg. Nach ca. einer halben Stunde erreiche ich Schwyz. Ich besuche dort die Kirche St. Martin, wo auch ein Pilgerstempel aufliegt. Eine Schulklasse probt jedoch gerade einen kirchlichen Anlass - ich will nicht stören und verlasse das Gotteshaus schnell wieder. Gleich in der Nähe ist eine Kebab-Bude. Ich nehme zwischen Pfarrkirche und Heiligkreuzkapelle auf einer Parkbank Platz und esse zu Mittag. Es ist ein schöner Platz. Einige Schüler sind gerade auf dem Weg nach Hause - einer fragt mich, wohin ich denn gehen wolle. Ich sage "Bis zum Ende der Welt" - wir lachen beide. 

Die "Luzern" brachte mich nach Treib
Ich verlasse Schwyz recht schnell über Asphaltstraßen. ich passiere dabei auch das Firmengebäude von Victorinox (bekannt für die Herstellung der Schweizer Taschenmesser). Viele Kapellen liegen auf meinem weiteren Weg durch meist agrarisch genutzte Grünflächen. Auch die "Zahnwehkapelle", die mir noch am besten in Erinnerung blieb. Die Heilige Ottilie ist dort mit einer großen Zange samt Zahn dargestellt. In der Wendelinskapelle im Weiler Unterschönenbuch ist gerade der Messmer zugegen. Er ist sehr nett und erzählt mir von seinen umfangreichen Aufgaben. Er gibt mir eine kleine Führung. Als ich ihn nach einem Pilgerstempel frage, schüttelt er der Kopf. Er gibt mir aber einen kleinen Wendelin-Anhänger. Diese würden im nahegelegenen Kloster Ingenbohl hergestellt werden. Ich bedanke mich sehr für seine Zeit und den Anhänger, der mich von nun weg begleiten würde.

Der Weg zwischen Treib und Emmetten
Ich erreiche schnell das besagte große Kloster Ingenbohl und wandere weiter bis nach Brunnen. Ich hatte den Vierwaldstättersee erreicht. Der Jakobsweg-Wegweiser zeigte beim Schiffssteg direkt auf den See. Ich konsultierte meinen Führer - kein Zweifel - die kurze Strecke bis Treib ist mit dem Schiff zurückzulegen. Ich sah gerade ein Schiff ankommen. Auf Anfrage bei der Dame an der Kasse, stellte sich heraus, dass dies mein Schiff in Richtung Treib sei. Ich kaufte sogleich eine Karte und fand mich wenige Minuten später auf dem Deck des Schiffes "Luzern" wieder. Es war dies das einzige Mal auf dem Camino, dass ich - wenn auch nur eine kurze Distanz - eine Strecke nicht mit meinen Füßen zurückgelegt habe. Es ist dies auch die offizielle Variante der Via Jacobi. Würde man dies nicht machen, hätte man einen riesigen Umweg in Kauf zu nehmen. So genoss ich die 5-10 minütige Fahrt. Es war schön und ungewohnt Meter in sitzender Position absolvieren zu können. Zwischen Sunnwil und Sagendorf steht die Heiligkreuzkapelle. Dort ist, wie mit ein Sunnwiler voller Stolz erzählt eine bekannte Totentanz-Tafel ausgehängt. Natürlich besuche ich die Kapelle. Es geht weiter bis Emmetten, wo ich im Hotel Post um eine Pilgerunterkunft anfrage. Die Besitzerin meint, sie habe das Massenlager noch nicht hergerichtet ich könne es mir jedoch anschauen. Es ist einigermaßen kalt in dem Lager. Es ist jedoch nicht weniger ungemütlich als etwa das Massenlager in St. Peterzell. Ich willige ein und bekomme sogar noch einen Lufterwärmer. Ich esse im Hotel auch eine Kleinigkeit zu Abend und trinke einige Banaché (Radler).

Was mir am heutigen Tag sehr auffiel ist die Tatsache wie ernst mir am heutigen Tage die Menschen begegneten. Sowohl am Weg, als auch beim Abendessen im Restaurant entkam den Leuten kein Lächeln aus. Die Chefin des Hotels meinte, dass die Menschen schon lange keine Sonne mehr gesehen hätten, vielleicht sei das der Grund, warum sie so ernst seien.

Freitag, 5. April 2013

Tag 5: Pfäffikon - Alpthal

Von Pfäffikon nach Alpthal
Distanz 19,9 KM
Unterkunft Alpthal: Fam. Schuler Marty (Fremdenzimmer)
 
Die Worte sprechen für sich
Als ich aufwache, möchte ich den Hof schnell verlassen. Ich gehe (endlich) Zähneputzen und mich waschen. Unterwegs treffe ich auf den Hofbesitzer. Ich zahle sogleich für Unterkunft und Frühstück. Es kostet 30 SFR. In der Zwischenzeit wurde ein Tablett mit Frühstücksutensilien auf den Tisch des Matratzenlagers gebracht. Obwohl ich gestern nur einen Müsliriegel zum Abendessen hatte, wollte es mir an diesem Ort einfach nicht schmecken. Ich esse eine Scheibe Brot, packe eine 2. in meinen Rucksack und mach mich wieder auf dem Weg. Es geht sogleich weiter steil bergauf. Über eine Brücke überquere ich die Autobahn. Mein rechtes Knie schmerzte während des Aufstiegs sehr. Ich biss die Zähne zusammen und kam nur recht langsam voran. Der Schmerz strahlte auch bald Richtung Hüfte. Ich wusste, dass dies das Ende meines Caminos bedeuten konnte. Ich wollte um jeden Preis zumindest nach Einsiedeln kommen. Auch wenn dies das minimalste Minimalziel in meinen Vorstellungen war. Der heutige Tag ist nebelig und recht kühl.
 
Auf den Spuren des Hlg. Jakobus trifft man
auch auf Paracelsus
Die kühlen Temperaturen sind zum Laufen eigentlich ziemlich ideal. Viele Raben begleiten mich heute auf meinem Weg. Mir kommt Ludwig Hirschs Lied "Komm großer schwarzer Vogel" in den Sinn. Es passt zu der melancholischen Stimmung. Nach bereits rund 1 1/2 Stunden erreiche ich den 950 Meter hoch gelegene Etzelpass mit der Kapelle St. Meinrad. Ganz plötzlich und unverhofft taucht sie in den Nebelschwaden auf. Als ich das Kleinod betrete geht automatisch das Licht an. Es ist kein Wunder - lediglich eine gelungene elektrische Installation. Die Kapelle ist ein wahrer Kraftort. Ich kann es nicht erklären, aber eine starke Kraft durchfließt meinen Körper. Als ich nach einigen Minuten der völligen Stille wieder auf den Camino gehe, spüre ich keinen Schmerz mehr. Mir wurde es erst kurz vor Einsiedeln so richtig bewusst. Ich war glücklich. 5 Tage auf dem Camino. Ich hatte bereits Schmerzen gehabt, unfreundliche Menschen angetroffen, mehr als einen Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Unternehmens und an der Möglichkeit der Durchführung meines Unterfangens gehabt. Jetzt war ich einfach nur glücklich. Der Weg ist - vor allem für die Psyche - zu Beginn eines Caminos schwer genug. Die schwierigen Wetterbedingungen mit dem Schnee, das ungewohnte Gewicht auf dem Rücken, das Alleinsein. Wenn dann noch physische Beeinträchtigungen hinzukommen, wird es zur totalen Qual.
Eine geteerte Straße führt mich zur Teufelsbrücke ("Tüfelsbrugg"). Ein Gedenkstein erinnert an den großen Wissenschafter Paracelsus. Laut Innschrift hatte der Universalwissenschaftler hier sein Geburtshaus. Ich laufe in der weiteren Folge mutterseelenallein durch nebeldurchzogene Agrarflächen. Auch einige Schneepassagen gilt es zu durchqueren. 

Das Kloster Einsiedeln - ein bewegender Moment
Als ich um ca. 11 Uhr vor dem Kloster in Einsiedeln stehe ist es ein erster wirklich bewegender Moment. Das Heiligtum ist bei mir zu Hause sehr bekannt. Aufgrund der Nähe ist es auch ein sehr beliebter Zielpunkt heimatlicher Pilger. Es ist sehr viel los an jenem Freitag Vormittag. Eine Messfeier hat soeben gestartet. Ich fühle Dankbarkeit dafür, den Ort erreicht zu haben. Ich bete bei der Schwarzen Madonna dafür, weitergehen zu können. Mir wird der Menschentrubel schnell zu viel und so gehe ich in das kleine Zentrum von Einsiedeln. Ich möchte bei einem Mittagessen meinen ersten - wenn auch kleinen - Etappenerfolg feiern. Normalerweise aß ich in Feldkirch am Freitag mit einem Freund beim Chinesen zu Mittag. Heute war Freitag und ich fand auch tatsächlich ein recht günstiges China-Restaurant. Es schmeckte hervorragend. Es gab sogar drei Eiskugeln zum Nachtisch. Ich kaufte noch Getränke nach, bevor ich mich wieder auf den Weg machte. Im Tourismusbüro war eine sehr hilfsbereite Frau. Ich fragte sie nach meinen weiteren Möglichkeiten. So erfuhr ich, dass das Berggasthaus Haggenegg geschlossen ist.

Der Camino zwischen Einsiedeln und
Alpthal
Es wäre mit knapp 4 Stunden noch durchaus erreichbar gewesen. Wenngleich die Schneesituation alles andere als gut sein würde. Sie gab mir den Tipp nur bis Alpthal zu wandern und dort dann nach den Wegbedingungen über den Haggenegg zu fragen. Sie gab mir eine Visitenkarte für eine Pilgerunterkunft in Alpthal. Ich bedanke mich und bin sogleich wieder auf meinem Weg. Ich verlasse Einsiedeln über schöne, einsame Wege. Ich passiere das Kloster Au und komme nach rund einer Stunde in Trachslau an. Alpthal ist schon zu erkennen. Es beginnt zu schneien. Ich komme um ca. 16 Uhr in Alpthal an. Die im Tourismusbüro angegebene Pilgerunterkunft am Ortsausgang hat leider noch nicht geöffnet. Es ist noch zu kalt und nichts vorbereitet. Die nette junge Frau schickt mich aber zu ihrer Oma im Ortszentrum - sie vermiete Fremdenzimmer. So gehe ich einige Minuten wieder in die andere Richtung. Frau Schuler-Marty ist sehr nett. Sie macht mir einen Melissentee und zeigt mir mein Zimmer. Sie erzählt mir auch, dass ein deutscher Pensionist heute in Richtung Schwyz aufgebrochen sei. Zweifelsohne ein Pilger auf dem Camino - vielleicht würde ich ihn ja einholen können. Er wolle am Stück vom Bodensee bis nach Santiago laufen. Es gibt also noch mehr Verrückte wie mich - irgendwie tröstlich. Ich bin alleine in einem schönen Doppelzimmer. Die Übernachtung kostet mit Frühstück 40 SFR.  Gasthäuser haben keine offen, so esse ich nur einen Riegel. Das Tagebuch wird beschrieben, die Akkus von Kamera und MP3-Player geladen. Mit dem MP3-Player im Ohr schlafe ich sehr rasch ein.

Donnerstag, 4. April 2013

Tag 4: St. Gallenkappel - Pfäffikon

Von St. Gallenkappel nach Pfäffikon
Distanz 17,2 KM
Unterkunft Pfäffikon: Lützelhof (Schlafen im Stroh)


Kirche in Eschenbach
Es tut mir fast leid, dass ich die Familie Schwitter verlassen muss. So gut und herzlich werde ich wohl nicht mehr all zu oft aufgenommen werden, so nette Menschen wohl nicht immer antreffen können. Doch es sind noch viele Kilometer zu absolvieren und so mache ich mich nach einem tollen Frühstück alsbald wieder auf den Weg. Frau Schwitter steckt mir noch Schokolade-Ostereier zu - einfach nur nett! Um 08:00 war ich wieder auf dem Camino.
Ich freu mich darauf heute in Rapperswil anzukommen. Vor allem der im Führer beschriebene und abgebildete lange Holzsteg und die schöne Altstadt müssen eindrucksvoll sein. Je nach Tagesverfassung sollte ich heute sogar bis zum Kloster Einsiedeln wandern können.
 
Der Weg von Schmerikon nach Rapperswil
verläuft am Ufer des Zürichsees
Mein beiden Sockenpaare sind am Morgen beide noch feucht bis nass. Widerwillig zieh ich das noch trockener scheinende Paar über meine Füße. Die Socken sollten bis zum Ende meines Camino jener Ausrüstungsgegenstand sein, der mir am schlechtesten trocknen sollte. Klar, wer Anfang April bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt loswandert, braucht Socken mit einer bestimmten Dicke. Wahrscheinlich wäre es richtig gewesen, einfach ein 3. Sockenpaar mitzunehmen. Über Wald- und Wiesenwege komme ich zunächst nach Neuhaus, dann nach Schmerikon. Der mächtige Kirchturm der St. Jodokus-Kirche ist schon von weitem zu sehen. Ich betrete das große Gotteshaus und komme in den Genuss eines Orgelspiels. Ein örtlicher Organist scheint eine Übungseinheit einzulegen. Ich sitze still und einsam in der letzten Reihe und lausche dem schönen Orgelspiel. Ich bin mit der Musik in dem Moment ganz alleine. Ich füge den schönen, in der Kirche aufliegenden Pilgerstempel meinem Credential hinzu und wandere in Richtung des schon naheliegenden Zürichsees. Gerade als ich den See erreiche kommt die Sonne heraus! Zum ersten Mal wieder, seit ich das Rheintal verlassen habe. 

Das wunderschöne Rapperswil
Die ganze Stimmung am See wurde dadurch noch eindrücklicher und schöner. Neben der Schönheit der Natur gab es auch einige tolle Boote zu sehen, die meist noch in den Bootshäusern auf ihren Einsatz in der wärmeren Jahreszeit warteten. Keine Frage, am Zürichsee ist die "High Society" auch verankert. Direkt zwischen Seeufer und Bahngleisen wanderte ich voran, hatte aber das Gefühl nicht wirklich zügig voranzukommen. Die Strecke von Schmerikon bis Rapperswil kam mir endlos vor. Die Kulisse war aber natürlich sehr schön und so ließ ich mich einfach "weitertreiben"...

Meine 4. Camino-Nacht verbrachte ich am
Lützelhof
Um 16:30 erreichte ich schließlich den Lützelhof. Ein junger, wohl am Hof Angestellter meinte, dass zunächst, dass eine Übernachtung heute nicht möglich sei, er aber seinen Chef anrufen müsse. Ich war fertig, die dauernde Unsicherheit einen Schlafplatz zu bekommen, gefiel mir ganz und gar nicht. Gerade zu Beginn meiner Pilgerreise waren meine Wanderleistungen noch so überhaupt nicht konstant, ich wollte doch frei wie ein Vogel sein und nicht durch Reservierungen gehemmt und gefangen. Gottseidank kam der Angestellte mir der guten Nachricht von seinem Telefonat zurück, dass ich doch bleiben könne. Er zeigte mir die Sanitäranlagen und meinen Schlafplatz im Massenlager. Dort war es furchtbar kalt. Zudemroch jeder Winkel des Hofes nach Bauernhof. Ich war an jenem Tag so kaputt, dass ich nach meinem Tagebucheintrag sogleich in einen tiefen Schlaf fiel. Nicht einmal ein Abendessen nahm ich zu mir.

Wegabschnitt kurz nach Rapperswil
Heute war einer der Tage, die man am liebsten gleich wieder vergessen möchte. Ich kann meinen heutigen Tourenverlauf nicht mehr 100% nachzeichnen, weiß aber genau, dass ich nie und nimmer "nur", 17,2 Kilometer gelaufen sein kann. Der Führer gibt zu dieser Etappe mehrere Vorschläge ab, meine Konfusion war vielleicht dadurch bedingt. Ich ärgerte mich im Nachhinein ein wenig, dass ich in Rapperswil weiterlief, Der Sonnenschein und das einzigartige Ambiente in Kombination von See und Altstadt hätte mir einige schöne Mußestunden bescheren können. Auch eine neue Pilgerherbe sollte dort vor kurzem eröffnet haben, wie ich erst im Nachhinein erfahren konnte. Stattdessen folgte ich weiter stur dem Weg und landete an einem Ort, wo ich mich nicht wohlfühlen konnte. Mir war klar, ich würde morgen ehestmöglich Richtung Einsiedeln aufbrechen!

Mittwoch, 3. April 2013

Tag 3: St. Peterzell - St. Gallenkappel

Von St. Peterzell nach St. Gallenkappel
Distanz: 23 KM
Unterkunft St. Gallenkappel: Familie M. Schwitter


Haus zum "Bädli"
Die Geißen hinter dem Gasthaus Hörnli wecken mich. Es ist nach wie vor sehr kalt im Massenlager. In der Nacht musste ich deswegen auch meine Mütze anziehen. Auch konnte dadurch meine Wäsche nicht trocken werden. Die Körperpflege und das Wäschewaschen fielen gestern sehr oberflächlich aus, zu "grindig" war es in den Sanitärräumen. Ich packe schnell meine Sachen zusammen und gehe frühstücken. Der Wirt ist freundlich. Irgendwie scheint er ein wenig ein schlechtes Gewissen zu haben, mich in dem kalten Massenlager übernachtet haben zu lassen. Er meint, es seien schon öfters Pilger bei ihm gewesen, er habe aber noch nie eine Ausnahme für sie gemacht und ihnen einen Einzelzimmer gegeben - er ist halt eben doch ein Geschäftsmann.

Beim Aufstieg von St. Peterzell
Ich verabschiede mich nach dem einfachen, aber völlig ausreichenden Frühstück und mach mich wieder auf den Weg. Nachdem ich mir Proviant und Pilgerstempel besorgt hatte (im vortägigen Blogbeitrag nachzulesen), ging es relativ schnell bergauf. Das Wetter war wie die Tage davor, bewölkt und nebelig. Trotzdem bin ich im Gesicht sehr rot geworden, was wohl dem zahlreichen Schnee und der starken Sonneneinstrahlung des 1. Tages geschuldet sein dürfte. Zunächst stand die Besteigung des 946 Meter hohen "Scherrer" auf dem Programm. Der Aufstieg war relativ streng, es ging mir dabei aber gut. Ich passierte auf meinem Weg zahlreiche, wunderschöne Bauernhöfe. Ich war wieder einmal lange Zeit komplett alleine unterwegs. Kurz vor der höchsten Erhebung traf ich dann doch noch eine mit ihrem Hund spazierenden Frau, die mich aufgrund der Jakobsmuschel an meinem Rucksack ansprach. Sie ist sehr freundlich und wünscht mir ein "Buen Camino".

Die Ruine Iberg
Um ca. 11 Uhr erreichte ich schließlich Wattwil. Mit über 8000 Einwohnern ist die Gemeinde recht groß und es gibt dort auch alle Arten von Geschäften. Ich kaufe mir bei der Post eine Telefonwertkarte, um im Zweifelsfall eine Reservierungsanfrage tätigen zu können. Auch eine Wetterstation - wie häufig in Schweizer Städten zu finden - war vorhanden. Der Zeiger des Thermometers zeigte mir 6 Grad Celsius an. Es war zwar recht kalt, zum wandern war es aber nahezu ideal. Über das Stadtzentrum gelange ich recht steil aufsteigend zur Ruine Iberg. Von der Ruine aus hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt. So beschließe ich, dort eine längere Mittagspause zu machen. 

Die Kirche in St. Gallenkappel
Es ging noch eine relativ lange Zeit über Asphaltstraßen und Pfade weiter bergauf. Ich passiere den Schweizer Militärstützpunkt "Cholloch", ehe ich Oberricken und später Walde erreiche. Um 16:45 komme ich schließlich in St. Gallenkappel an. Eine wunderschöne Kirche befindet sich in der rund 1800 Seelen zählenden Gemeinde. Beim Pfarrhaus neben der Kirche ist in einem Briefkasten ein herrlich schöner Pilgerstempel bereitgestellt. Natürlich finde ich mein Nachtquartier bei der Familie Schwitter eine halbe Stunde lang nicht. Der Diakon, welcher gerade mit seinem Hund "Gassi" ging, war mir behilflich und ging auch einige Minuten mit mir. Er erzählt mir von seinen eigenen Pilgererfahrungen und wünscht mir auch weiterhin einen guten Weg und Gottes Segen, ehe er mir zum Schluss noch meine Herberge für die heutige Nacht zeigt - das Haus der Familie Schwitter.  Ich war sehr müde, als ich dort schließlich ankam. Sehr herzlich empfing mich das Ehepaar. Nachdem ich mich geduscht hatte, bekam ich ein hervorragendes Abendessen und unterhielt mich noch längere Zeit mit Frau Schwitter.
Ich merkte, dass ich heute schon besser mit den körperlichen Belastungen des Pilgerns umgehen konnte, als zu Beginn.
Ich war sehr froh, dass ich bis jetzt immer eine Unterkunft finden konnte - dahingehend hatte ich zu Beginn meiner Pilgerreise die größten Bedenken. Glücklich und zufrieden schlief ich ein. 

Dienstag, 2. April 2013

Tag 2: Appenzell - St. Peterzell

Von Appenzell nach St. Peterzell
Distanz: 24,2 KM
Unterkunft St. Peterzell: Gasthaus Hörnli (Massenlager)

Plakatwand kurz nach Appenzell
Ich wache auf. Das Ziffernbild meiner Uhr verrät mir, dass es erst 05:00 ist. Ich kenne mich anfangs erst gar nicht aus - wo bin ich? Ich bleib noch bis 6 Uhr liegen. Ich spüre meinen Körper  - vor allem meine Schultern tun weh. Nach dem Waschen zieh ich mich an. Der Rucksack wird gepackt, frisches Wasser in die Flaschen gefüllt. Die gestern noch gewaschene Wäsche sollte nicht völlig getrocknet worden sein. Es sollte von nun an jeden Tag ca. derselbe Ablauf sein. Erst langsam wurde ich mit meinen Bewegungen früh morgens etwas flinker und konnte so doch einiges an Zeit sparen. Ich versuchte stets zwischen 7 und 7:30 zu frühstücken und mich dann anschließend umgehend wieder auf den Weg zu machen. Die Stunden am Vormittag vergingen mir immer irgendwie schneller und leichter von der Hand, als am Nachmittag. 

Das Kurhaus Jakobsbad
Als ich das große Refektorium betrete, werde ich bereits erwartet. Margrit ist auch wieder da. Lachend übergibt sie mir einen kleinen Plastikgegenstand. Das Schweizer Wappen ist darauf abgebildet. Ich brauche eine Zeit lang, um den Gegenstand als Mini-Wecker zu identifizieren. Sie meint, ich solle ihr ihn einfach nach meiner Pilgerreise im Sommer zurückgeben. Ich bin sehr dankbar für ihre Freundlichkeit. Speziell zu Beginn meiner Pilgerreise ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich alleine übernachten werde, da wäre die Chance des Verschlafens durchaus gegeben gewesen. Nun bin ich dagegen gewappnet. Wir frühstücken gemeinsam. Beinahe hätte ich vor lauter Hunger bereits ein Brötchen in die Hand genommen, da wird das obligatorische Tischgebet angestimmt. Wie konnte ich an diesem Ort darauf vergessen? Auch ein Bekannter des Verwalterehepaares ist beim Frühstück zugegen. Er lädt mich spontan ein, in seiner Tischlerei am Stadtrand von Appenzell auf einen Tee vorbeizukommen. Der Betrieb liege auch auf meinem Wege. Ich bedanke mich für seine Freundlichkeit, lehne dann aber ab, da ich doch nicht nach bereits einer Viertelstunde schon meine erste Pause machen könne. Er versteht das natürlich und gibt mir recht. Am Ende wird mir noch stolz der schöne, rote Pilgerstempel des Klosters ins Credential gestempelt. Ich verabschiede mich von meinen Gastgebern und mache mich auf den Weg stadtauswärts. Von der Sonne ist nichts zu sehen, der Himmel hat richtig "zu" gemacht. Immerhin kein Regen, denk ich mir und gehe frohen Mutes weiter. 

Noch recht winterlicher Wanderweg
Fast keine Menschen sollten mir auf meiner heutigen Etappe begegnen. Es sind weitestgehend schöne Wege fernab von Städten und Siedlungen, die ich heute begehen kann. Über das Gontenbad erreiche ich bald ein malerisches Moor-Naturschutzgebiet. Reiher, Störche, Enten und anderes Getier sollten mir dort begegnen. Den Barfußweg konnte ich zu meinem Bedauern leider nicht bar meiner Schuhe betreten. Ich passiere das schöne Jakobsbad und das Kapuzinerinnenkloster "Leiden Christi". Dort soll es im übrigen sehr gute, selbstgebrannte Kräuterschnäpse geben. Ich betrete den Besinnungsweg, der vom Kloster aus startet. Teils auf Asphalt, teils durch recht tiefen Schnee watend mache ich einige Höhenmeter. Ich passiere auch zahlreiche Waldstücke. Zum ersten Mal in meinem Leben begegnet mir in freier Wildbahn ein Fuchs! Nur wenige Menschen begingen in der jüngeren Vergangenheit diese Wege und Pfade. Nur einzelne Fußspuren waren im Schnee zu erkennen. Über Studen und dem Chräghof gelangte ich nach Urnäsch. Nach einer kurzen Mittagsrast ging ich rasch weiter. Bis zur Folenweid sollten laut Führer doch noch einige Höhenmeter zu bewältigen sein. Ich sollte schnurstracks in die falsche Richtung laufen. Ein netter Eidgenosse half mir gerne wieder auf den rechten Weg zu kommen. Mit seinem Auto brachte er mich zu jenem Ort, an dem ich falsch abgebogen war. Er hätte mich gerne noch ein Stück weiter mitgenommen - dies wollte ich aber nicht. Es ging steil einen Berg hinauf bis nach Tüfenberg. Ich war umzwingelt von Schneefeldern. Über schmale Pfade kam ich nur sehr langsam voran. Dichte Nebelschwaden umgaben mich auf der Fohlenweid. Eine herrliche Einsamkeit umgab mich dort. 

Idyllischer Platz am "Barfußweg"
In wärmeren Jahreszeiten muss dieser Ort wunderschön sein. Auch jetzt ist er wunderschön, nur eben anders schön. Aufgrund des zahlreichen Schnees, kam ich nur sehr langsam voran. Ich war sehr froh, als ich um ca. 17:00 endlich St. Peterzell erreichen konnte. Der mächtige Turm der evangelischen Kirche grüßte schon von Weitem. Ich war ein wenig nervös, hatte ich diesmal doch erstmals kein Nachtquartier reserviert. Ich ging zum Pfarramt der katholischen Kirche. Dort sollte laut meinem Führer ein Pilgerquartier zu bekommen sein. Leider stand ich vor verschlossenen Türen. Keine Menschenseele war zu sehen. So ging ich zum Gasthaus Hörnli, dass sich etwa 10 Gehminuten vom Zentrum befindet. Laut meinem Pilgerherbergsausdruck der Jakobusgemeinschaft sollte ich dort in einem Massenlager unterkommen können. Der Wirt meinte auf meine Anfrage sogleich, dass er das Massenlager noch nicht hergerichtet hätte, da es noch zu kalt sein würde. Ich könne es aber vorab besichtigen und auch dort nächtigen, falls es mir zusagen würde. Die Zimmer im Gasthaus waren mir zu teuer. Im Lager war es sehr kalt und ungemütlich. Ich hatte aber einen guten Schlafsack bei mir und so entschied ich mich für die billigere Variante. Ich aß im Gasthaus zu Abend (Sennerrösti) und trank 2 Bier. Der Tag hatte mich ob der vielen Höhenmeter und den Wegbegebenheiten mit dem Schnee sehr angestrengt.

Schönes Haus in St. Peterzell
Zum Pilgerstempel in St. Peterzell eine kurze Vorschau: auch am folgenden Tag sollte ich beinahe verzweifelt eine ganze Zeit vor der Türe des Pfarrbüros vergeblich darauf warten, dass mir jemand die Türe öffnen würde. Hier würde ich also keinen Stempel bekommen. Ich weiß mir in diesem Moment keinen Rat und so gehe in zunächst in das kleine Geschäft auf der anderen Straßenseite. Ich decke mich mit Eistee und Brot und Trockenfrüchten ein. An der Kassa angekommen frage ich nach den Öffnungszeiten des Pfarrbüros, worauf mir die Angestellte nur achselzuckend die Antwort gab, dass sie die leider nicht wisse. Ich erkläre ihr, dass ich Pilger auf der Via Jacobi sei und für mein Credential den täglichen Stempel begehre. Da holt sie unter ihrem Kassatisch einen Stempel samt Kissen hervor und strahlt mich an. Es ist sogar der offizielle Kirchenstempel. Scheinbar wurde hier bereits auf die Situation des wohl öfter verwaisten Pfarrbüros reagiert und eine „kunden- soll heißen pilgerfreundliche“ Lösung gefunden.

Montag, 1. April 2013

Tag 1: Feldkirch - Appenzell

Von Feldkirch nach Appenzell
Distanz: 27,7 KM
Unterkunft Appenzell: Kloster Maria der Engel 

Der Wecker klingelt um 06:30. Das Thermometer zeigt nur wenige Grad über Null an. Der Winter war hart dieses Jahr und kämpft auch jetzt noch um seine Vorherrschaft. Erst langsam werde ich munter und begreife: heute ist mein erster Tag als Pilger! Mein Rucksack steht neben mir, am Schreibtisch angelehnt - er scheint nur so auf seinen Träger zu warten. Viele Male wurde er aus-, um- und überhaupt neu gepackt. Jedes Utensil meiner Ausrüstung hat am richtigen Platz zu sein. Für die nächsten 3 Monate sollte er zu meinem besten Freund werden. Die Jakobsmuschel hing gut sichtbar auf der Rückseite meines Rucksackes. Ich hatte sie gut fixiert, wollte nicht, dass sie zu stark baumeln würde. Ich kann bereits vorwegnehmen, sie blieb bis zum Ende meiner Pilgerreise unversehrt. Sie hängt jetzt am Bilderrahmen meiner Camino-Fotocollage. Still und stumm, dabei muss sie doch so viel gesehen haben...

Der Weg zum Illspitz
Über mir wohl bekannte Straßen, Gassen und Brücken lief ich dick eingepackt ins Stadtzentrum von Feldkirch, wollte ich doch bei meinem heimatlichen Dom um eine gute Pilgerschaft "ansuchen". Der Ill folgend wanderte ich anschließend immer weiter stadtauswärts Richtung Meiningen. Beim dortigen Grenzübergang sollte ich dann auf den von Rankweil kommenden Appenzellerweg treffen. Lange Zeit begegnete mir kein Mensch an diesem sonnigen, jedoch sehr kalten Ostermontag. Mein Hals war sehr dick - ich war weder mutig noch zielstrebig an jenem Morgen. Von zahlreichen Selbstzweifeln umgarnt lief ich wie von einem Programm gesteuert, roboterhaft bis zum "Illspitz".
Der mächtige Rhein begleitete mich die letzten Meter auf heimatlichem Boden. Auf der österreichischen Seite der Rheinbrücke dann der erste Wegweiser mit dem blauen Jakobsmuschelsymbol - ich war nun also am offiziellen Camino angekommen. Ich überschritt die Brücke und passierte die verwaisten Zollhäuschen. Nichts deutete auch nur irgendwie auf einen Grenzverlauf hin. Lediglich der mächtige Rhein ließ in mir das Gefühl aufkommen, jetzt eine Grenze überschritten zu haben. Ich kam mir vor, wie ein Hobbit aus J. R. R. Tolkiens "Herr der Ringe", der erstmals die Grenze seines heißgeliebten Auenlandes überschreitet. 
Obwohl ich aufgrund der unmittelbaren, nachbarschaftlichen Nähe der Schweiz schon den ein oder anderen Besuch abstattete, war mir jener Teil der Eidgenossenschaft doch noch gänzlich fremd.  

Idyllischer Brunnen auf dem Weg nach Appenzell
Über Riedlandschaften und vorstädtische Siedlungen ging es relativ schnell erstmals bergauf. Immerhin 600 Höhenmeter würde ich an meinem ersten Tag zu bewältigen haben. Und das mit dem ungewohnten Gewicht am Rücken und relativ untrainiert. Nach der Ortschaft Freienbach kam dann noch der liegen gebliebene Schnee hinzu. Mir war schon relativ früh klar, dass ich zu Beginn meiner langen Reise froh sein musste, die im Führer angegebenen Zeiten irgendwie erreichen zu können. In der Freienbacher Kirche lag mein erster "verdienter" Pilgerstempel auf. Ich wollte versuchen, jeden Tag zumindest einen Stempel für meinen Pilgerpass zu finden. Zum einen, um dann in Santiago glaubhaft machen zu können, dass ich tatsächlich die ganze Strecke zu Fuß gelaufen bin, zum anderen sollten mir die Stempel nach meiner Rückkehr auch helfen, meinen Weg zurückverfolgen zu können. Hatte ich im Rheintal noch herrlichen Sonnenschein, so verdeckten jetzt dicke Wolken den Himmel. Ich sollte von nun an für sehr lange Zeit keine Sonne mehr zu Gesicht bekommen. Über Churzstuck und Neuenalp machte ich weiter Höhenmeter und kam schließlich zur kantonalen Grenze St. Gallen und Appenzell. Über das 1016 Meter hoch gelegene Bildstein kam ich nach Eggerstanden. In einer sehr betriebsamen Gastwirtschaft aß ich eine Suppe. Es war ja Feiertag und ich hatte das Gefühl, dass dies im Appenzell von vielleicht noch größerer Bedeutung war, als etwa bei mir zu Hause. 

Pfarrkirche St. Mauritius in Appenzell
Um kurz vor 16:00 erreichte ich Appenzell. Müde aber auch glücklich. Ich passierte die Appenzeller Brauerei und gelangte schnell in die von Bürgerhäusern dominierten Altstadt. Meine erste Pilgerunterkunft war inmitten des Stadtzentrums und leicht zu finden. Das Verwalterehepaar des Kloster "Maria der Engel" erwartete mich bereits. Auch Margrit ist da. Die junge Frau soll in Zukunft im Kloster mithelfen und hatte mit mir ihren ersten "Kunden". Ich bezog meine kleine Klosterzelle. Nachdem ich mich gewaschen hatte, ging es noch ans Wäschewaschen. Danach bekam ich von Margrit eine Führung durch das ehemalige Kapuzinerinnenkloster. In unmittelbarer Nähe zum Kloster fand ich eine kleine Pizzeria mit vernünftigen Preisen. So gut hatte mir schon lange nichts mehr geschmeckt. Bereits um 19:00 lag ich im Bett meiner Klosterzelle. Ein Utensil hatte ich zu Hause vergessen: Meinen kleinen, leisen Reisewecker. Und so bat ich darum, mich am Morgen zu wecken, sollte ich das auf 07:00 angesetzte, gemeinsame Frühstück verschlafen. Ich schrieb noch ein paar Zeilen in meinem Camino-Tagebuch, ehe ich sehr schnell in einen tiefen Schlaf verfiel...